Er sah nicht mehr besonders gut, der gealterte Komponist. "Hautbois I", krakelte er zittrig mit Tinte, erste Oboe, und "tief Camerthon", dann noch den Notenschlüssel und drei "b" für die Tonart. Die Noten schrieb sein Assistent aus der Partitur ab. Es war diesmal keine Komposition des Meisters selbst. Johann Sebastian Bach hatte ein altes, vergessenes Werk hervorgekramt, komponiert vom Cousin seines Vaters, einem entfernten Onkel sozusagen, Johann Christoph Bach aus Eisenach. Eine Motette für acht Gesangsstimmen, die J. S. B. nun mit Bläsern verstärkte, um sie in Leipzig aufzuführen.

Ein ungewöhnlicher Vorgang, denn damals interessierte man sich nicht für "alte Musik". Auch neue, wie die von Johann Sebastian Bach, wurde selten über ihren Anlass hinaus gespielt. Um 1750 eine Handschrift von 1672 aus der Versenkung zu holen zeugt von geradezu avantgardistischem Historismus, von einem Familien(selbst)bewusstsein, das der Vergänglichkeit in die Speichen greift. Dass wir Bach aus solcher Nähe dabei zusehen können, ist erst seit einer Woche möglich - seit das mehr als 50 Jahre lang verschollene Alt-Bachische Archiv, die legendäre Familiensammlung, auszugsweise in Leipzig zu sehen ist.

Dieses Archiv ist nur ein kleiner Notenstapel, 200 brüchige, vergilbte Blätter, 20 Stücke für Sänger und Instrumente. Und es ist ein Schatz, dessen Rätsel die Forscher beschäftigen wie kaum eine andere Sammlung. Denn er birgt die Schlüssel zur Entwicklung der berühmtesten Musikerfamilie, die jemals lebte und nicht nur um und nach Johann Sebastian, sondern auch lange vor ihm Talente und Genies der Musik hervorbrachte. Die besten Werke seiner Vorfahren bewahrte der Thomaskantor in dieser Handbibliothek aus Manuskripten auf, die sein Sohn Carl Philipp Emanuel übernahm und pflegte.

Nicht nur dem klangvollen Familienamen verdankt das Alt-Bachische Archiv seine Aura, sondern auch einer Odyssee über zwei Jahrhunderte und Tausende von Kilometern, die jetzt zu Ende gegangen ist. Wer vor den Vitrinen im Leipziger Bach-Archiv neben der Thomaskirche steht, sieht den Blättern nicht an, durch welche Hände und Zeitläufte sie gingen, von Goethes Freund Zelter bis zum Trophäenkommando der Roten Armee, das die Noten aus Hitlers zusammenbrechendem Reich in die Sowjetunion brachte - zusammen mit weiteren 5000 Handschriften aus dem Bestand der Berliner Singakademie.

Jahrzehntelang wusste im Westen keiner, wo dieser "Schatz der 5000" gelandet war, schon gar nicht, ob er auch das legendäre Familienarchiv enthielt. Doch Christoph Wolff, Bach-Forscher in Harvard, sammelte unentwegt Indizien, und die Hinweise verdichteten sich, dass die Beutekunst in Kiew gelandet war, in der Ukraine. Nach Hürdenläufen, die für sich schon eine Abenteuergeschichte ergeben (ZEIT Nr. 33/99), durfte Wolff vor drei Jahren endlich das ukrainische Staatsarchiv betreten und erblickte schon nach dem ersten Griff ins Regal den ersehnten Stempel der Singakademie.

Bevor es aber so weit war, kamen zwei weitere Schatzsucher dem Alt-Bachischen Archiv auf anderen Wegen näher. Man rätselte ja nicht nur darüber, wo die mürben Schriften hingeraten waren, sondern auch, wo sie herkamen. In der traditionellen Forschung galt als ausgemacht, dass die Noten lange vor Johann Sebastian gleichsam im schimmernden Kreis der "heiligen Familie" zum Hausschatz vereint worden waren, dass Bachsche Hände für die Nachwelt kopiert hatten, was Bachsche Köpfe ersannen. Am Original überprüfen ließ sich das nach 1945 nicht. Es blieb nur eine schmale Edition von 1935.

Mit ihr und mit Einzeldrucken aus dem 19. Jahrhundert realisierte Mitte der achtziger Jahre das Ensemble Musica Antiqua Köln eine Ersteinspielung, die helles Licht auf die Szene warf. Vor allem die Musik von Johann Christoph Bach, dem entfernten Onkel von Johann Sebastian, führte zur Wiederentdeckung eines genialen, hoch expressiven Künstlers am Ende des späten 17.