Aus Not erwächst Pfiff. Weil die Dresdner ihr Hygienemuseum umbauen, ist es im Inneren eng geworden. Wer die neue Ausstellung Mensch und Tier durchschritten hat, macht im letzten Raum zwangsläufig kehrt. In einem langen Löwenkäfig schiebt er sich noch einmal - nun hinter Gittern - an der Ausstellung entlang. Er passiert erneut das Schächtmesser im Glaskasten. Er erblickt die Hinterseiten der ausgestopften Zirkuslegenden und des ausgestorbenen tasmanischen Beutelwolfs, in deren Glasaugen er vorher geschaut hat. Und er sieht durch die Käfigmaschen die anderen Besucher, die ihrerseits ihn nun wahrnehmen - wie ein im Hintergrund vorbeihuschendes Tier.

Das bizarre Verhältnis des Menschen zu den tierischen Kreaturen wird schon vor der Eingangspforte des Museums deutlich. Da steht die Statue eines muskulösen Jünglings, der die Erdkugel trägt. Sie wird von einem Kunsteber umrundet. Der menschliche Stolz kommt unter die Räder, weil das von ihm geschaffene Plastikgetier zu seinen Füßen unterwürfig lächerliche Kreise zieht.

In der Ausstellung begegnet einem der achträdrige Roboter-Eber MS Scippy noch einmal. Da erfährt man, dass er in deutschen Sauställen mit Erfolg zum Einsatz kommt. Grunzend und synthetischen Eberduft versprühend, erzeugt das ferngesteuerte Produkt der Firma Schippers duldungsstarre Sauen, sodass sie still und lüstern zur künstlichen Besamung bereitstehen. Der Plastikeber erspart Kosten und ist ausdauernder als das Modell aus Fleisch und Blut.

Werden die Tiere von uns, wie im ersten Teil der Ausstellung thematisiert, geliebt? Oder werden sie benutzt? Grenzen wir uns von ihnen ab? Oder rückt die Vereinigung, wie im vierten Teil dargestellt, näher? Die Exponate machen deutlich, dass dies alles zutrifft. Die Deutschen pflegen 22 Millionen Haustiere plus 85 Millionen Zierfische. Aber schon ein einziger Schlachtbetrieb zerteilt inzwischen täglich 120 000 Hühner. Wir haben uns einerseits per definitionem aus dem Tierreich verabschiedet, bauen uns andererseits aber bereits tierische Ersatzteile ein, um länger zu leben.

Das Ambivalente an unseren Beziehungen wird in jeder Ecke der Ausstellung deutlich. Stapeln sich die Geweihe erschossener Hirsche in der Sammlung des Münchner Grafen Arco, so scheint uns die Tierliebe des Jägers genauso absurd wie die der Hundeliebhaberin angesichts der 60 Pokale, die der überzüchtete Mylord von Ajaccio eingeheimst hat. Die Ausstellung, sagt Museumsdirektor Klaus Vogel zur Eröffnung des 100. Dresdner Projekts seit der Wende, sei "definitiv keine Anklage". Und doch sei sie nicht unkritisch, vielmehr ein "inspirierender Bilderbogen".

Die hervorragenden Exponate machen nicht nur deutlich, dass es ohne Tier keinen Menschen gibt, sondern auch wie der Mensch schöpferisch und zerstörerisch auf den Tierpark Einfluss genommen hat. Staunend verharrt der Besucher vor dem gigantischen Elefantenkondom, mit dessen Hilfe in der Wildnis frischer Samen von betäubten Bullen für die Fortpflanzung in den inzuchtgeplagten Tierparks abgezapft wird.

Da fragt man sich: "Wo steuern wir hin?" Jedes Ausstellungsstück entwickelt, eingereiht in den Bilderbogen, seine eigene Dynamik. Da werden Tierschächter bei der Arbeit gezeigt, gleich daneben das Werbevideo für eine vollautomatische Hähnchen-Schlacht-Rupf-Zerteil-Maschine. Da verliert der Schächter umgehend seine vermeintliche Bösartigkeit.