Jetzt haben die Deutschen auch ihre einstürzenden Twin Towers. Sie stehen nicht mitten in Manhattan, sondern zwei Stellen hinterm Komma. In Deutschland ist es die Beitragsbemessungsgrenze, welche die amtierende Journalistengeneration mit einer Wucht auf den Boden der Wirklichkeit schleudert, die von mehr kündet als der schieren Sorge um das Ferienhaus und die Scheidungskinder.

Was ist das Verstörende an der publizistischen Rentendebatte? Es ist nicht der alarmierte Ton, der den Staat franzmoorartig in die Schranken weist, es ist noch nicht einmal die Bigotterie, mit der eine etablierte Klasse um ihre Pfründe bangt. Das alles mag seine Berechtigung und die Rentengesetzgebung manchen Irrwitz haben. Unerklärlich an dieser Debatte ist nicht die Debatte, sondern Personal und Ort ihrer Austragung. Denn wer das Volk stellvertretend für die moribunde Wirtschaft auf die Barrikaden ruft, sind nicht das Handelsblatt und die Wirtschaftsredakteure der deutschen Tages- und Wochenzeitungen, sondern es sind wundersamerweise Literaturkritiker und Feuilletonisten.

Was also haben Wirtschafts- und Literaturkritik gemeinsam? Ein Blick in die Kulturteile der deutschen Zeitungen belehrt uns: Kultur ist hier wie in guten alten linken Zeiten nicht länger Kultur, sondern Kultur ist, wenn man alles besser weiß von A wie Außenpolitik über R wie Rürup-Kommission bis Z wie Zähneputzen. Kultur ist keine Gebietsdefinition, sondern eine (überlegene) Betrachtungsweise. Die anderen Teile der Zeitung mögen das begrifflose Es (Leben, Gesellschaft) oder das begriffsstutzige Ich (Politik, Wirtschaft) des Blattes abgeben, der Kulturteil ist das begriffsbildende Über-Ich, der Kulturjournalist ist der Experte schlechthin.

Die Geschichte der Selbstermächtigung des Intellektuellen ist lang, zeigte nach 1989 Anzeichen von Schwäche und hat in diesen Tagen der feuilletonistischen Novemberrevolution zu altem Glanz und Elend zurückgefunden. Auf die Frage, was gerade die Literaturkritiker in die Rentenpolitik und von dort in die Untergangsprophetie treibt, gibt es viele Antworten. Einige kann man einem gerade erschienenen Sonderband der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter entnehmen, in dem namhafte Kritiker über ihr Metier Auskunft geben. Die Ergebnisse sind erschreckend.

Die Mehrheit der Literaturkritiker bezeichnet die Literaturkritik als ein Auslaufmodell, ein vom Markt korrumpiertes Fossil, ein reformbedürftiges Genre, dem obendrein der Existenzgrund, die starke Literatur, empfindlich fehle. Zu Recht wird an die klammheimliche Freude mancher Kritiker nach dem 11. September erinnert, die sich sehr befriedigt darüber zeigten, dass es endlich wieder um "etwas Wirkliches" gehe. So kam es, dass die deutsche Literaturkritik nicht länger Günter Grass, sondern lieber Gerhard Schröder rezensiert. Zwischen Selbsterniedrigung und Größenwahn ist die arme Literatur die verachtete Dritte.