Wien

Die Schlacht ist geschlagen, Schüssel der Triumphator, Rot-Grün deprimiert, Haider blamiert, desgleichen die Meinungsforscher. Von wegen "Kopf-an-Kopf-Rennen". Ein Erdrutsch war's, in Kärnten fielen die Rechtspopulisten auf Platz drei. Was ist passiert?

Vielleicht hilft das aktuellste politbelletristische Buch zur Lage: Die Frau des Kanzlers, eine beißende Satire, die sich keineswegs, wie man spontan meinen könnte, der Lage in Deutschland widmet. Diese Kanzlergattin ist von dem Autor Gustav Ernst vielmehr der österreichischen Wirklichkeit nachempfunden. Sie richtet einen zornigen Monolog an ihren Mann, den Chef einer Mitte-rechtsaußen-Regierung in Wien. Ihre Rede ist eine Abrechnung mit ihm, seinem machtseligen Opportunismus und der Verharmlosung der rechtsradikalen Positionen seines Koalitionspartners. Erster Satz: "Ich möchte mich von dir scheiden lassen."

Ähnlichkeiten mit den Eheleuten Dr. Wolfgang und Dr. Krista Schüssel sind natürlich fiktiv, wenngleich gut erfunden. Erst recht gilt dies für die Analogien zum extremistischen Vizekanzler in der Rede, zumal Jörg Haider der ÖVP/FPÖ-Koalition offiziell nie angehört hatte.

Ein fulminantes Bändchen, von dem einen Intellektuelle im Kaffeehaus vorschwärmen ("Müssen Sie lesen"). Es hilft zu verstehen, wie es zu dem unglaublichen Wahlausgang des 24. November kam, zu Schüssels Kantersieg, zu Haiders Debakel und den faden, folgenlosen Stimmengewinnen von Rot und Grün.

Dieser Sieg gilt inzwischen als das Werk Schüssels, das große Design des musisch begabten Kanzlers. Ist er das?

Die Kanzlergattin, jedenfalls die aus dem Buch, würde das nicht glauben. Was sie ihrem Gatten vor allem vorwirft, ist dessen Nachsicht gegenüber den Eskapaden des Vizekanzlers. Purer Opportunismus: "Wo doch dein Vizekanzler, bevor er dein Vizekanzler hat werden wollen und du erst durch ihn zum Kanzler hast werden können, für dich immer der Ausbund eines Rechtsradikalen gewesen ist." Das hält sie nicht mehr aus. Schluss, aus, fertig. Am Ende des Monologs siezt sie ihn.