Deutsche rauchen gern, Griechen auch und beide mehr als andere Europäer. In Aachen oder Athen greift noch gut jeder dritte Bürger über 15 Jahre zum Glimmstengel. Aber: Deutsche Politiker sind dagegen, die Griechen jedoch dafür, dass die Werbung für den blauen Dunst in der Europäischen Union künftig radikal eingeschränkt wird.

Weiter im Verwirrspiel: Den Anbau von Tabak fördert diese Union aus ihren Agrartöpfen jährlich mit gut einer Milliarde Euro, vor allem in Gebieten, in denen sonst nicht viel wächst. Den Tod durch Tabak beklagt dagegen EU-Verbraucherkommissar David Byrne, jährlich raffe er eine halbe Million Menschen in der Gemeinschaft dahin, und finanziert aus demselben EU-Budget seine Antinikotinkampagnen.

Der irische Verbraucherschützer weiß seit vergangener Woche die meisten EU-Parlamentarier auf seiner Seite; sie wollen Tabakwerbung untersagen. Und er kann in der kommenden Woche im Ministerrat, dem Organ der EU-Regierungen, mit einer Mehrheit rechnen. Lediglich Deutsche und Österreicher sind gegen das Verbot. Griechen, Franzosen, Spanier und Italiener aber sammeln sich an der Seite des Iren.

Der Hintergrund: Byrne denkt an die Gesundheit der Konsumenten, die deutschen Regierungspolitiker aber auch an die kränkelnden Zeitungen und Zeitschriften im eigenen Land, die Tabakwerbung gut gebrauchen können. Was das höhere Gut ist, dürfte zwischen beiden Seiten nicht einmal strittig sein. Eher schon geht die Fehde zwischen Byrne und Berlin um Gesundheitspolitik, Binnenmarktregeln – und die Macht der Kommission in solchen Dingen. Die erste Runde ging an Berlin. Vor einem Jahr entschied der Europäische Gerichtshof zugunsten des deutschen Klägers, der sich gegen Byrnes ersten Entwurf gewehrt hatte. "Unverhältnismäßig", hieß damals das Urteil.

Der jetzige Entwurf unterscheidet sich vom ersten kaum: Erneut wird die Werbung in Printmedien, Rundfunk und Internet untersagt, vom Sommer 2005 an, wieder wird das internationale Sponsoring verboten – und damit eine Haupteinnahmequelle der Formel1 trockengelegt. "Grenzübergreifende Regeln, Schutz des Binnenmarktes vor Wettbewerbsverzerrungen" – so argumentiert Byrne. Frankreich und Finnland, Schweden und Portugal und unlängst Belgien haben Tabakwerbung bei sich ganz oder weithin verboten. Byrne will nun alle anderen Mitgliedsstaaten auf den Tugendpfad zwingen. In seinen Augen stört schon jetzt Werbung die Geschlossenheit des Binnenmarktes.

Widerspruch kommt von den Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern: Der Gemeinsame Markt werde mitnichten gestört. Nur 1,2 Prozent der Auflage werde jenseits der eigenen Grenzen, etwa in spanischen Feriengebieten, verkauft. Bei stark rückläufigen Anzeigen sei ein solches Werbeverbot "Gift für die Printmedien".

Wenn jetzt der EU-Kommissar trotz seiner Niederlage vor Gericht eine zweite Runde wagt, setzt er auf das knappe Votum der Luxemburger Richter im ersten Fall. Vielleicht überlegt es sich der eine oder andere Richter noch einmal. Von seinem Titel her ist Byrne im Übrigen nicht allein für den Verbraucherschutz, sondern auch für öffentliche Gesundheit zuständig. Das Gesundheitswesen freilich ist im Prinzip Sache der Mitgliedsstaaten. So wird Verantwortung halb zugestanden, halb vorenthalten. Und dem Kommissar bleibt nur der Umweg über das in diesem Fall eher schlechte Argument "Binnenmarkt".

Hinter dem Chaos steckt ein Ärgernis: Die EU – also in erster Linie ihre maßgeblichen Regierungen – zwingen die Kommission zu Winkelzügen. Geht es um die Gesundheit der Bürger oder um den Gemeinsamen Markt? Das soll und darf nach Brüsseler Regeln besser nicht klar werden. Hier muss aber nach den Regeln des gesunden Menschenverstandes endlich Klarheit geschaffen werden. Sonst wird dieser blaue Dunst im Innersten der europäischen Institutionen nie abziehen.