"Mein Traum von der Macht, etwas verändern zu können, hängt sicherlich mit meiner Sucht nach Perfektion zusammen – und mit der damit verbundenen permanenten Unruhe. Hinter jeder Lösung verbirgt sich eine noch bessere"

M eine Träume haben sich mit den Jahren verändert. Ihre Zahl ist nicht größer geworden; aber sie haben sich geschärft. Ich sehe auf diese Entwicklung wie ein erstauntes Kind, das sich wundert, dass der Wipfel des Baumes vor dem Haus mittlerweile bis zum Dach reicht. Träume wachsen also offenbar mit einem mit, aber im Gegensatz zu den Blättern an den Bäumen verlassen sie einen nicht beim Wechsel der Jahreszeiten. Das ist erfreulich.

Nicht so erfreulich ist vielleicht, dass ich mich mit meinen Träumen ein wenig schwer tue. Sie liegen im Verborgenen. Sie wollen ans Licht, aber ich sperre mich ein bisschen dagegen, denn sie könnten ja bedeuten, dass ich mein derzeitiges Leben wieder völlig umstellen müsste.

Ich träume davon, den Einfluss und die Macht zu haben, mich der Dinge erwehren zu können, die mich stören.

Dieser Traum wird genährt von dem Charakter, den ich habe. Ich bin jemand, der die Perfektion liebt. Nicht nur in der Arbeit, auch beim Verstehen von Zusammenhängen.

Es macht mich verrückt, wenn ich politische Talkshows sehe, die mir nichts erklären, sondern mich hilflos zurücklassen. Es macht mich wütend, wenn es Klimaschutzkonferenzen gibt, auf denen nur geredet, aber nichts beschlossen wird. Ich werde aggressiv, wenn man Ärzte als bloße Abzocker hinstellt, nur weil Geld in den Krankenkassen fehlt. Es macht mich ratlos, wenn Menschen dauernd über den schlechten Bildungsstandard in Deutschland reden, dann aber das Bildungssystem so lassen, wie es ist. Ich möchte begreifen, warum zurzeit alles so aus dem Ruder läuft, und träume davon, es wieder in eine gute Richtung bringen zu können. Aber ich kann davon wohl nur deshalb träumen, weil ich keine Politikerin bin.

Das Publikum blickt erstaunt auf seine gewählten Volksvertreter und denkt: Wenn die nicht mal mehr durchsteigen, wie dann ich? Du erhoffst dir dann ein bisschen Aufklärung von den Medien und stellst fest: Die durchschauen das Dickicht anscheinend auch nicht mehr. Am Ende ist man zurückgeworfen auf sich selbst und geht entweder in die innere Emigration – oder auf die Straße.

In meinen Träumen bin ich Ministerin für Gesundheit und Bildung, die den einstmals guten Ruf der Ärzte als "Helfer in der Not" wiederherstellt. In der Bildungspolitik würde ich die Länderhoheit abschaffen, Einheitslehrpläne einführen, wieder Zensuren statt Punkte vergeben und die Klassenstärken senken. Warum soll nicht reformierbar sein, was vielleicht vor 50 Jahren unter dem Stichwort Föderalismus wichtig war, aber heute längst überholt ist? Viel Traumstoff.