Wenn die Friseuse Meiting einem Kunden die Wangen massiert, schmeißt sie ihre falschen langen Haare über die Schulter und schickt ihm über den Spiegel ein grundloses Lächeln. Genauso wie es das Shampoomodel auf dem Poster macht.

Viel Kundschaft kommt nicht in den Laden. Und so lümmeln Meiting und die anderen Mädchen meist selbst in den Frisierstühlen, summen die albernen Schlager aus dem Radio mit und horchen in die Dämmerung hinein, als gäbe es da etwas, dass ihrem Leben eine überraschende Wendung geben könnte. Meitings Überraschung heißt Chen Mo. Eines Tages rennt er auf sie zu, als vermeintlicher Dieb von der Polizei verfolgt, und drückt ihr eine Palette Schnittblumen in die Hand.

Mit diesen halb toten Gewächsen beginnt eine wunderbar spröde Liebesgeschichte, deren Hauptfiguren sich nicht trauen, das große Wort mit fünf Buchstaben auszusprechen. Zu viel ist in der Schwebe, zu wenig gibt ihnen Mut. So proben die beiden den emotionalen Ausnahmezustand im vorsichtigen Rollenspiel mit alten Bedeutungen und Konventionen. Sie spielen Vater-Mutter-Kind. Einen Kuss gibt es nur auf die Wange, als Trostpflaster oder Beute eines Spiels. So etwas wie Liebe nistet sich über Fürsorge ein.

Über den Anblick eines schlafenden Gesichts, den Dampf eines Chrysanthementees. Und immer wieder über eine Massage, als könne man nur dabei spüren, wo der eigene Körper aufhört und der andere beginnt.

Chen Mo und Meiting, das sind zwei, die nicht mehr viel vorhaben und sich schon für das simple Auskommen, für Essen und eine Wohnzelle gewaltig abstrampeln müssen. Zwei, die die politischen und ökonomischen Zusammenhänge nicht durchschauen. Und die sich noch nicht einmal verraten fühlen von den Idealen der Kulturrevolution, mit denen ihre Eltern einst als studierte Elite aufs Land und in die Vororte geschickt wurden, um die Menschen dort für die kommunistischen Errungenschaften empfänglich zu machen. Die Kinder sind jetzt zurückgekehrt aus der Provinz und ihren gescheiterten Aufbauträumen - in ein Peking, das nur aus staubigen Schnellstraßen, maroden Industrieanlagen und lethargischem Servicepersonal zu bestehen scheint. Ihre Familien sind zersplittert. Es gibt keine Freunde oder nur solche, die das über Monate hart erkämpfte Geld für den kranken Bruder in einer Nacht verspielen. Chen Mo und Meiting haben nur sich selbst, ihre Wut über das eigene Verschwinden im Warenkreislauf einer neuen Ökonomie und ihr kleines Glück, das so überschaubar ist wie die warmen Kekse, die er ihr beim Aufwachen unter die Nase hält. So wirft dieser Film lieber einen zärtlichen Blick auf die verschrobene Zweisamkeit, als eine Gesellschaft in der Totalen zu zeigen.

Anders als in Filmen wie Bejing Bicycle oder I love Bejing, die ebefalls vom Leben in der Megametropole erzählen, entrückt Regisseur Liu Hao seine Liebenden zunehmend, schält sie aus ihren Jobs, aus seltsam verlorenen Orten, aus speckig glänzenden Frisierstuben oder verwitterten Getränkelagern heraus - als habe Peking Platz gemacht für diese kleine Amour fou. Die Stadt, die sich nach der schon wieder erlahmten Wirtschaftseuphorie in eine tiefe Depression geflüchtet hat, wird zur geisterhaften Kulisse für zwei Menschen im Übergang. Für den ratlosen, resignierten Einzelnen ist das Leben jedenfalls viel zu kompliziert geworden. Zu zweit, so scheint es, kommt man immer noch besser davon. Mit Massage, Chrysanthementee und Liebe - vielleicht.