Der Tod ist nur eine Art von Verschwinden. Ein Mensch wird umgebracht, und die, die trauern, sind von da an Hinterbliebene. Sie starren in ein Loch, das sich nie wieder schließen wird. Kriminalromane zehren von der Unausweichlichkeit dieser Faszination. Deshalb handeln sie fast immer von Mord.

Wie kann ein Krimi sich diesem Regelzwang entziehen und doch vor existenzieller Spannung vibrieren? Das ist mit die größte Herausforderung an die Kreativität der Autoren. Faszinierend und in mehrfacher Hinsicht außerordentlich ist die Lösung, die der Münchner Friedrich Ani mit seinen Romanen um Hauptkommissar Tabor Süden gefunden hat.

",Und Sie heißen tatsächlich Tabor Süden?' 'Wollen Sies noch mal lesen?'

'Süden wie Norden?' 'Wie Norden, Osten und Westen.'" Als Ani seinen Helden Süden mit Vornamen Tabor nannte, ging er vom Klang aus, die religionsgeschichtlichen Bezüge waren ihm noch unbekannt. Tabor ist der Berg der Verklärung Jesu, nach Tabor nannte sich auch eine radikale Fraktion der böhmischen Hussiten, die im 15. Jahrhundert das Reich Gottes jetzt und gleich mit dem Schwert errichten wollten. Das will Tabor Süden nicht, er ist ein sanfter Mensch. So stellt er bei seinen Ermittlungen ganz ungern Fragen, lieber mag er es, wenn die Leute von sich aus erzählen. "Ich verhöre nicht, ich vernehme." Und doch hat seine Arbeit viel mit Erlösung zu tun, ganz irdisch.

Das Kommissariat 114 im Münchner Dezernat 11 ist für Vermisstenfälle zuständig, genauer: für "Vermissungen". Damit sind nicht "Hupfauf-Vermissungen" gemeint: Vater geht Zigaretten holen, quatscht eine Frau an und kehrt nach drei Tagen reumütig heim. Bei Vermissungen geht es darum, so rasch wie möglich Suizid, tödlichen Unfall oder Gewaltverbrechen auszuschließen.

Eine geniale Idee: Vermissungen müssen nicht endgültig sein wie der Tod.

Süden über eine neue Kollegin: "Wie ich verbrachte sie einige Jahre beim Mord, bis sie eine gewisse Sehnsucht nach dem Schicksal von Lebenden verspürte." Die Hoffnung, am Ende der Ermittlungen keine Leiche, sondern jemanden gefunden zu haben, der in ein zweites Leben gefunden hat, macht aus Anis Beamten hin und wieder romantische Sucher.