Nach jedem Angriff boten sich den Davongekommenen grauenvolle Bilder: "Eine junge Frau lag da wie eine ungut geratene Plastik. Die Beine mit verkohlten hohen Absatzstiefeln nach hinten in die Höhe gestreckt, die Arme wie zur Abwehr hocherhoben. Das Gesicht noch andeutungsweise erhalten, der Mund mit bräunlichen Zahnreihen weit geöffnet, so daß man nicht wußte, ob dieses Antlitz lachte oder schrie." Das ist nur eines von vielen Zitaten, mit denen der Berliner Historiker Jörg Friedrich die Schrecken des Bombenkrieges gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg illustriert. Vom Verlag wird das Buch als "erste umfassende zeitgeschichtliche Darstellung" zum Thema annonciert. Zu Recht?

Vor fünf Jahren, Ende 1997, hatte der in England lebende (und mittlerweile verstorbene) deutsche Schriftsteller W. G. Sebald in einer Poetik-Vorlesung an der Universität Zürich kritisiert, dass der Bombenkrieg keine "Schmerzensspur" in der deutschen Nachkriegsliteratur hinterlassen habe. Das stimmte zwar nicht - von Hans Erich Nossacks Augenzeugenbericht vom Untergang Hamburgs im Feuersturm des Juli 1943 (1948) über Gert Ledigs Werk Vergeltung (1956) bis zu Dieter Fortes autobiografischem Roman Der Junge mit den blutigen Schuhen (1995) war der Luftkrieg immer wieder zum Thema der erzählenden Literatur gemacht worden. Darüber hinaus hatten sich ihm auch Autoren wie Alexander Kluge (mit seinem Fresko von der Zerstörung Halberstadts) oder Walter Kempowski (mit seiner Collage über die Vernichtung Dresdens) dokumentarisch angenähert. Doch gemessen an der Dimension der Katastrophe, blieb der Bombenkrieg ein eher vernachlässigtes literarisches Sujet. Und dafür gab es gute Gründe: Denn wer vom deutschen Leid sprach, weckte den Verdacht, von deutschen Verbrechen ablenken und Schuld aufrechnen zu wollen - was bei Rechten und Neonazis ja oft genug auch der Fall gewesen ist.

Anders war der Umgang mit dem Thema in der Öffentlichkeit während der Nachkriegszeit. In fast allen betroffenen Städten Westdeutschlands wurden Mahnmale errichtet oder Kirchenruinen in Gedenkorte umgewandelt, die bis heute an den Bombenkrieg und seine deutschen Opfer erinnern. Anders auch der Umgang mit diesem Kapitel des Zweiten Weltkriegs in Familie und Schule, wo Eltern und Lehrer gern und ausgiebig von den Nächten im Bombenkeller erzählten.

Insofern ist es überraschend, dass die Geschichtswissenschaft in der Bundesrepublik das Thema gemieden hat. Es führte lange Zeit eine Art Nischenexistenz in Stadtchroniken und lokalen Ausstellungen. Vielleicht spielten hier auch Gesichtspunkte der politischen Opportunität eine Rolle. In der DDR hatte man übrigens weniger Probleme, sich auch öffentlich mit dem angloamerikanischen "Luftterror" zu beschäftigen. Im Jahr 1990 erschien im Akademie-Verlag eine große zusammenfassende Geschichte des Bombenkriegs gegen Deutschland, die der DDR-Historiker Olaf Groehler noch vor den Wende geschrieben hatte. Das Buch wurde in den alten Bundesländern kaum rezipiert.

Im vergangenen Jahr hat nun endlich auch Horst Boog vom Freiburger Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Band 7 des Reihenwerks Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg den Strategischen Luftkrieg in Europa auf der Grundlage aller erreichbaren Archivquellen beschrieben.

Verzweiflung, Abstumpfung und ein großes Bedürfnis nach Schlaf

Friedrichs Buch ist also nicht die einzige Gesamtdarstellung zum Thema, wohl aber die erste, die, wie es im Nachwort heißt, die "Leideform" des Bombenkriegs, also die Erfahrungen der unmittelbar Betroffenen, ins Zentrum rücken möchte. Es fügt sich damit ein in einen Trend, der bereits in diesem Frühjahr mit der durch Günter Grass' Novelle Im Krebsgang angestoßenen Debatte über das Schicksal der Vertriebenen sichtbar geworden war: nämlich verstärkt wieder, anknüpfend an die fünfziger und sechziger Jahre, der Deutschen als Opfer zu gedenken. Dagegen wäre vernünftigerweise nichts einzuwenden, wenn sich daran nicht allzu oft der Wunsch anschlösse, ihre Rolle als Täter in den Hintergrund zu drängen. Friedrichs Werk wird auch daraufhin gelesen werden müssen, inwieweit es ihm gelungen ist, der Opfer-Täter-Aufrechnungslogik zu entgehen.