Zu den bizarrsten Einfällen, die Kurt Cobain in seinem kurzen Leben hatte, gehört der Entwurf einer Rockoper. Cobain's Disease sollte sie heißen, nach einem seltenen, bislang unerforschten Leiden benannt sein und ausschließlich vom Kotzen handeln. Der Clou allerdings wäre das separat zu vermarktende Home-Video: wunde, von Säure zerfressene Stellen, gefilmt aus der Perspektive der Kamera an der Spitze eines Endoskopieschlauchs.

Schön ist nicht immer, was Cobain zu seiner Lage notierte, aber meist hellsichtig. Im Bild von der Invasion seines Körperinnern spiegeln sich Magenschmerzen, die ihn bis aufs Blut plagten, wie auch sein sarkastisches Verhältnis zur Öffentlichkeit. Er, der allseits Gefeierte, der weltberühmte Sänger und Songwriter der Band Nirvana, fühlte sich verfolgt vom Voyeurismus der Fans. In seinen Augen wollten sie ihn leiden sehen, bis in intimste Regionen hinein. Doch statt auszubrechen aus diesem fatalen System, fiel ihm nichts anderes ein, als immer wieder in Nahaufnahme seine Wunden zu zeigen.

Die Cobainsche Krankheit - Laien wie Profideuter haben sich an ihrer Entschlüsselung versucht. War sie wirklich so einzigartig, wie ihr Erfinder glauben machen wollte? Fügt sie sich nicht vielmehr prächtig ins Bild vom gemarterten Künstler, der seine Überzeugungen zu Ende lebt? War der Selbstmord, den er 1994 in einer Garage seines Anwesens verübte, demzufolge ein echter Freitod, oder hat der alles und jedes auf Schauwerte reduzierende Jahrmarktssender MTV ihn auf dem Gewissen? Die Cobainschen Tagebücher, von heute an in den Läden, werden vom Verlag als "intimes, ungeschöntes Porträt" gepriesen, das endlich alle Fragen klärt. Was sie tatsächlich zeigen, ist das Bild eines armen Rock 'n' Rollers, der an seinem eigenen Mythos zugrunde geht.

Er schrieb drauflos - auch auf Wänden und Möbeln

Dieses Journal lesen ist wie einem rollenden Stein zusehen. So gnadenlos der Autor das Musikgeschäft seziert, was er zu Papier bringt, hilft ihm im Leben nicht weiter. Und wie wütend seine Attacken gegen sich selbst und die Gesellschaft auch ausfallen, was ihn plagt, ist zugleich das, was ihn vorantreibt. Überhaupt von Tagebüchern zu sprechen führt in die Irre, sofern darunter ein fortlaufendes Diarium zu verstehen ist. Cobain hat einfach drauflosgeschrieben, wenn ihm danach war, ohne Rücksicht auf Punkt und Komma, oft mit Fortsetzung auf Wänden und Mobiliar. Zwei Dutzend Spiralblöcke wurden in seinem Nachlass gefunden, meist eng beschrieben mit persönlichen Notizen, kleinen Manifesten, Entwürfen zu Briefen, die nie abgeschickt wurden (was die Witwe Courtney Love aussortiert haben mag, steht auf einem anderen Blatt).

Als Begleitlektüre empfiehlt sich Der Himmel über Nirvana, die neue Biografie von Charles R. Cross. Sie liefert viele der Hintergründe, die der Held der Tagebücher verschweigt oder verwischt. Cobain hat nie unter einer Brücke geschlafen, aber es machte sich gut in einer Vita, die die Rolle des Außenseiters zelebriert. Er hat auch keine Schusswaffen im Fluss gefunden, aber wer sollte das nachprüfen? Anders als die verklärende Sicht vom Märtyrer des Erfolgs es will, spielte der junge C. trickreich mit Mythen aus dem Fundus der Popgeschichte, verbarg sich hinter seinen eigenen Gesten, gab, wenn es sein musste, auch den Opportunisten.

Synoptisch zur deutschen Übersetzung der Journale sind sie im Faksimile wiedergegeben, die Bettelbriefe, Selbstentwürfe und fiktiven Promozettel.