Mein letzter Besuch bei John Rawls - Jack, wie ich ihn nach meiner Dissertation bei ihm nennen durfte - fand vor zwei Monaten an einem wunderbaren Herbsttag statt. Ich hatte auf dem Weg zu ihm am Walden Pond eine kleine Schwimmpause eingelegt, einen Käsekuchen und eine Schale mit faustgroßen Erdbeeren gekauft. Als ich sein Haus erreichte, wartete er schon auf mich, ganz vorn auf der Veranda.

Seine Frau Mardy - Malerin und Abgeordnete im Stadtparlament von Lexington, die ihn die letzten sieben Jahre lang aufopfernd pflegte - brachte den Tee und freute sich dann mit mir am Vergnügen und an dem Appetit, mit dem Jack sich über den Kuchen und die Früchte hermachte. In all den Jahren seines Leidens hatte ich ihn nie so fröhlich und so klar erlebt. Er erzählte aus seiner Jugend, von den Sommerferien in Maine mit seinen Vettern - wie er Mardy kennen lernte, von der Hochzeit, ihren vier Kindern und vom Enkel Martin, der gerade zu Besuch war. Keine Spur von den Nachwirkungen der Schlaganfälle, die ihn oft daran hinderten, sich in der Zeit zu orientieren.

Auch keine Spur von der Traurigkeit, mit der er mich in den letzten Jahren häufig empfangen hatte.

John Rawls war unter den selbstbewussten Koryphäen des Philosophischen Seminars in Harvard eine ungewöhnliche Erscheinung. Sein Umgang mit Studenten und Besuchern war fürsorglich, seine Bescheidenheit, seine Zögerlichkeit und Konzilianz in der Diskussion war beeindruckend. Man hätte ihn auch für einen Vertretungsprofessor aus der Provinz halten können - neben seinen berühmten und schlagfertigen Kollegen Quine, Goodman, Putnam, Nozick, Dreben oder Cavell. Dennoch war es Rawls, dessen Theorie der Gerechtigkeit Fach- und Ländergrenzen übersprang und auch 30 Jahre später noch tausendfach gelesen wird: von Ökonomen und Juristen, von Politologen und Geisteswissenschaftlern.

"Grünes Monster" nannten wir Studenten diesen über zwanzig Jahre hin komponierten philosophischen Bestseller in Anspielung auf den Einband der Erstauflage. Bestimmt keine fesselnde Lektüre. Aber wenn man sich durch ein paar Kapitel dieses zähflüssigen Texts hindurchgearbeitet hatte, stand man vor einer geradezu eleganten, unglaublich einheitlichen Denkstruktur, die die große Komplexität politischer Werte und Prinzipien aus einer einzigen Grundidee harmonisch rekonstruierte: Wir Bürger moderner demokratischer Gesellschaften sollten deren Grundregeln nach einem öffentlichen Gerechtigkeitskriterium ausrichten, und zwar einem solchen, auf das sich ausschließlich an der Kl ugheit orientierte, ideale Vertreter künftiger konkreter Staatsbürger hinter einem "Schleier der Unwissenheit" einigen würden.

Wer Rawls' Spezifizierung dieser Grundidee versteht, kann durch sein Gedankenexperiment den richtigen Abstand zu konkreten politischen Strukturierungsaufgaben gewinnen: Welches Gerechtigkeitskriterium würde ich vernünftigerweise anstreben, wenn ich keinerlei Wissen über meine natürliche und soziale Ausstattung hätte? Rawls zeigt, dass ein in dieser hypothetischen Situation vereinbartes Gerechtigkeitskriterium den Interessen der jeweils am schlechtesten gestellten Bürger viel mehr Gewicht beimessen würde, als in solchen Gesellschaften tatsächlich üblich ist. Seine Theorie plädiert vor allem dafür, die untere Schwelle gesellschaftlicher Ungleichheit anzuheben: Auch diejenigen, die in die niedrigste soziale Ausgangsposition hineingeboren werden, sollen Aussicht auf all die Rechte, Chancen und Einkommen haben, die ein wirklich lebenswertes Leben ermöglichen. Unterschiede in natürlichen Anlagen und in Hinblick auf das Elternhaus, aus dem man stammt, sollen sich nur insoweit in ungleichen Lebenschancen niederschlagen dürfen, wie dies dazu beiträgt, die Lebenschancen aller, und besonders der Schlechtestgestellten, anzuheben.

Rawls' Buch war ein prägendes Ereignis für das Selbstverständnis der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Es zeigt, wie die Philosophie nicht nur mit ihren eigenen, selbst erfundenen Fragen spielen (Sind moralische Behauptungen wahrheitsfähig? Kann man wissen, dass die Außenwelt existiert?), sondern auch gründlich und kreativ Fragen bearbeiten kann, die jeder mündige Bürger sich stellt oder sich stellen sollte. Viele fanden nach diesem Buch, dass es sich wieder lohne, Philosophie zu lesen, zu studieren, zu lehren, zu schreiben. Es ist der akademischen Philosophie zum Paradigma klarer, konstruktiver, problembezogener Arbeit geworden. Ein Buch, auf das wir alle ein wenig stolz sind, besonders auch, weil sein Autor so ein durch und durch guter Mensch war.