Auch knapp dreißig Jahre nach dem Tod des Philosophen Leo Strauss (1899 bis 1973) kann man die in Deutschland erschienenen Studien zu seinem Werk an einer Hand abzählen. Dazu gehören gleich zwei Bücher von Clemens Kauffmann, der 1997 eine kompetente "Einführung" zu Strauss vorlegte und vor zwei Jahren einen Vergleich von Strauss und John Rawls. Bereits 1996 publizierte der Politologe Heinrich Meier, parallel zum Start einer von ihm initiierten und betreuten Strauss-Ausgabe im Metzler Verlag, eine Monografie über die Denkbewegungen von Leo Strauss. Jetzt stößt Harald Bluhm, Schüler des Politologen Herfried Münkler, zu dem überschaubaren Kreis von Strauss-Kennern und präsentiert mit seiner als Gesamtdarstellung konzipierten Habilitationsschrift gleich ein Standardwerk.

Bluhm nimmt eine beträchtliche Korrektur am Bild von Leo Strauss vor. Noch Meier wollte Strauss für die notwendige Rückkehr des Philosophischen in die politische Theorie stark machen. Bei dem Berliner Politikwissenschaftler Bluhm aber finden sich jetzt gute Gründe, Strauss zu entzaubern. Und bei der Lektüre von Bluhm begreift man auch, warum die immer zahlreicher werdenden Protagonisten der politischen Theologie und politischen Theorie nur selten auf Strauss zurückgriffen. Strauss war einfach kein konsistent denkender politischer Philosoph.

Strauss, der es vom antiliberalen Zionisten der Weimarer Republik bis zur zentralen Gestalt der neukonservativen amerikanischen Eliten brachte, hat in seinen stets auf dem Höhenkamm der Literatur verlaufenden Analysen nie die Anknüpfungspunkte für eine praktisch wirksame Ideologie geliefert. Solche Leute sind mit Carl Schmitt besser bedient oder mit Hannah Arendt, deren Werk zwar auch nicht gerade vor Anwendungsfreundlichkeit strotzt, dafür aber eingängiger argumentiert.

Der 1899 in der Nähe von Marburg geborene Strauss ist durch die Platon-Lektüre auf dem humanistischen Gymnasium fasziniert und kommt nach sehr früher Promotion (1921) in Hamburg bei Ernst Cassirer zur philosophischen Sektion der Berliner Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Als er 1930 sein Buch über Spinoza vorlegt, ist Strauss längst ein gefürchteter Kritiker, der unter anderem in Martin Bubers Zeitschrift Der Jude jeden Gedanken an ein akkulturiertes Judentum scharf kritisiert. Nicht nur Martin Heidegger, auch Schmitt ist in diesen Jahren - die Bluhm als "Weimarer Prägungen" bezeichnet und in ihrer Bedeutung für die weitere Entwicklung ein wenig unterschätzt - ein wichtiger Gesprächspartner. 1935 erscheint im Exil dann die Schrift, die viele der später wichtigen Denkmotive bereits enthält: Philosophie und Gesetz.

In dieser Aufsatzsammlung vollzieht sich nicht nur die markante Wandlung von Strauss, der fortan "politische Theologie" als "politische Philosophie" zu verstehen sucht und sich dabei den Wurzeln der Staatstheorie zuwendet.

Gleichzeitig legt er sein Denken darauf fest, strikte Alternativen einander gegenüberzustellen. Strauss' Neigung zum "entweder/oder" prägt dann viele andere Schriften, die die scheinbar unversöhnlichen Relata schon im Titel tragen: so in Naturrecht und Geschichte (1953), Socrates and Aristophanes (1966) oder Jerusalem and Athens (1967). Daran wird auch - die von Strauss in den Texten arabischer und jüdischer Autoren des Mittelalters entdeckte - berühmte Unterscheidung von esoterischem und exoterischem Schreiben nichts ändern. In dieser Unterscheidung hatte Strauss gemeint, eine eigenwillige Hermeneutik erkennen zu können.

Bluhms detailgenaue Rekonstruktionen zeigen einerseits, wie wenig die noch jüngst von Kauffmann aufgestellte These gilt, wonach Strauss "unvergleichlich sorgfältig" interpretiert habe, und andererseits gelingt es dem Autor, die Konturen eines Denkers nachzuzeichnen, der zeit seines Lebens mit sich und seinem Werk nicht im Reinen war. Bluhm bezeichnet diesen Sachverhalt sehr genau, wenn er bei Strauss ein Ungleichgewicht von "Krisendiagnostik und Therapievorschlägen" feststellt. Denn wie viele gegenaufklärerische Denker erzählt auch Strauss am liebsten Dekadenz- und Verfallsgeschichten und bleibt in der Vorstellung dessen, was den Platz des "Alten" einnehmen sollte, auffällig schweigsam. Und trotz aller stupenden Gelehrsamkeit findet man in den Texten von Strauss massive Ideologisierungen, die nur wenig zur Situierung der behandelten Probleme beitragen.

Wer mit Strauss weiterarbeiten möchte, der tut gut daran, ihn zu historisieren, das heißt, sein umfangreiches OEuvre als Teil von Auseinandersetzungen zu lesen, die darin bestanden, Geistesgeschichte wie eine Waffengattung im ideologischen Grabenkrieg einzusetzen. Mit Bluhms hervorragendem Buch kann man die längst vergangenen und doch noch heute wirksamen Debatten kritisch nachvollziehen.

Harald Bluhm: Die Ordnung der Ordnung. Das politische Philosophieren von Leo Strauss, Akademie Verlag, Berlin 2002, 370 S., 49,80 e