Eigentlich ist Ironie dem Musical fremd. Das Geschäft mit den großen Gefühlen lebt davon, dass in ihm Liebe und Leid unverstellt zum Ausdruck kommen

die Musik bläst bei all dem Schmachten zur großen Affirmation.

Dennoch beschließt die Branche das Jahr in Deutschland mit einer subversiven Pointe. Im Sommer erlitt der Marktführer, die Stella AG, grandios Schiffbruch, nach 1996 zum zweiten Mal bereits, diesmal endgültig. Und am kommenden Sonntag feiert Titanic Premiere, das Singspiel über den Untergang des Luxusdampfers. Die Katastrophe geht ausgrechnet in der Hamburger Neuen Flora über die Bühne, jenem Theater, in dem die Stella ein Jahrzehnt lang mit dem Phantom der Oper Geld scheffelte und mit Mozart schließlich baden ging.

Soviel Spitzfindigkeit war selten bei den Schöntönern, es ist der coup de théâtre der Stage Holding, dem neuen Supertanker der Branche.

Rotieren wie bei Bayern München

Vor einem Jahr nahm die Firma des Niederländers Joop van den Ende mit der Premiere vom König der Löwen im Hamburger Hafen erstmals Kurs auf den deutschen Markt. Zwölf Monate später bespielt die Stage Holding Deutschland neun Bühnen, darunter die großen Musical-Häuser in Essen, Stuttgart und Berlin. Ab 2003 gehört ihr dort auch das Theater des Westens, und die Übernahme eines Hauses in München, wo selbst in den Boomjahren des Genres kein Musical-Unternehmer Fuß fassen konnte, steht bevor. 175 Millionen Euro will die Stage Holding hierzulande bis 2005 investiert haben, demnächst zieht sie vom provisorischen Quartier im angegammelten Astra-Hochhaus auf dem Hamburger Kiez in eine repräsentative Dependance in der Speicherstadt. Hier werden im Januar auch die Stage Studios eröffnet, eine Kaderschmiede für 16 Talente pro Jahrgang, die einmal tragende Rollen in den Großproduktionen der Firma spielen sollen. Wird die Branche nun solide, oder wächst hier wieder nur ein Scheinriese heran, der auf dem wackligen Grund des musikalischen Massengeschmacks ein schnell vergängliches Reich errichtet?

"Die Bemessungsgrößen in Deutschland sind absurd", sagt Maik Klokow, der deutsche Geschäftsführer der Stage Holding. "Wenn ein Stück hier nur vier Jahre läuft, wird das gleich als Misserfolg verbucht." 1990 ist er, nach Lehrjahren an staatlichen Bühnen, ins Musical-Business eingestiegen, beim Starlight Express in Bochum. Der rollt immer noch, doch die Philosophie der Branche hat sich grundlegend gewandelt. Geplant wird allenthalben nur noch für eine Saison. Brummt der Laden, geht es weiter, wenn nicht, muss eben ein neues Werk her. "Es geht nicht darum, ein Stück so lange wie möglich zu melken", sagt Klokow. Er rechnet langfristig mit einer Rendite von drei bis fünf Prozent, alles andere sei "Cowboy-Business, und das sind wir nicht".