Im Fegefeuer der A. L. Kennedy

Nein, Nathan Staples ist weiß Gott kein "entspannter Mensch". Da hat seine Exfrau Maura Recht. Ihn lediglich nervös zu nennen wäre so untertrieben wie die Aussage, ein Alkoholkranker sei ein Mensch, der hin und wieder ein gutes Tröpfchen schätzt. Die Momente, in denen der entgleiste Schriftsteller Nathan Staples nicht unter Strom, nicht, durchbohrt von den Pfeilen seiner eigenen Gedanken, am Marterpfahl der Selbstquälerei steht, sind Anlässe zu kleinen Seelenfeiern. Solche Momente lassen sich in Jahresabständen messen.

Sein Kopf bestürmt ihn pausenlos mit dem Text eines Selbstgesprächs, in dem das Wort "Scheiße" den Spitzenplatz einnimmt und der sich zur Verdeutlichung der inneren Lautstärke in Kursivschrift durch den Roman Alles, was du brauchst von A. L. Kennedy zieht.

Nathan Staples ist der Protagonist dieses Romans. Er ist es im umfassenden Sinn. Er ist den bisherigen Romanen der schottischen Autorin wesensverwandt.

Wenn diese Arbeiten über ihren glänzenden literarischen Wert hinaus auf einen Nenner zu bringen sind, dann ist dies: Versessenheit. Gleißendes Glück und in noch stärkerem Maße Alles, was du brauchst besitzen Züge einer nicht klinisch, sondern ästhetisch zu verstehenden Paranoia. Sie stehen in Kontakt mit einer speziellen Tradition der literarischen Moderne, die Abstruses wie in Käfer verwandelte Angestellte (Kafka) oder einen Althippie namens Zoyd Wheeler hervorgebracht hat, der seine Sozialhilfe durch geplante, vom Fernsehen übertragene Wahnsinnstaten sichert und in Thomas Pynchons Roman Vineland als Frau verkleidet durch die Panoramascheiben nordkalifornischer Gaststätten springt. Auch Nathan Staples Romanstart glänzt mit einer paranoiaverdächtigen Aktion aus dem Geist des russischen Roulettes. Nathan unternimmt einen Suizidversuch durch Erhängen, dessen Ziel in dem Risiko liegt, den unmittelbaren Moment vor Bewusstlosigkeit und Tod abzupassen, um aus eigener Kraft ins Leben zurückzukehren und mit Strangulationsmalen davonzukommen.

Gewebt aus Stoffen der Antike, zeitgenössisch eingefärbt

Nathan befindet sich mit diesem Versuch, dem ähnliche vorausgingen und folgen werden, unter Gleichgesinnten: sechs Schriftsteller - eigentlich sollen es sieben sein, aber einen hat es tatsächlich erwischt -, die auf einer Insel vor der schottischen Küste leben und vereinbarungsgemäß siebenmal dem Tod auf die Schippe springen. Wem es gelungen ist, siebenmal wieder hinunterzuspringen, kann sich Hoffnung machen, in die Sphäre von Weisheit und Erleuchtung zu gelangen. Die von Joe in der Rolle des Gurus angeleitete und nach strengen Riten und Regeln funktionierende Gruppe stellt die abgefahrenste Variante dessen dar, was man gemütlich Künstlerkolonie nennt.

Die Verzerrungen paranoischer Literatur (um sie versuchsweise so zu nennen) sind die Voraussetzung ihrer Nähe zum Nerv der Katastrophengeschichte des 20.

Im Fegefeuer der A. L. Kennedy

Jahrhunderts. Sie bildet diese Geschichte nicht geordnet ab, aber sie drückt erstaunlich präzise ihren Gehalt aus.

Eine beliebte Methode paranoischer Literatur besteht in der Inszenierung von Eigenwelten, die sich von der Realität im Übertreibungsmaßstab ableiten wie die Hybridzüchtung von der Ausgangspflanze. Im besten Fall sind solche Welten geschlossen, was auf Alles, was du brauchst zutrifft. Von einigen Ausflügen nach London und in den schottischen Heimatort der zweiten Hauptfigur, Mary, abgesehen, spielt sich der Roman über knapp 600 Seiten auf der Schriftstellerinsel ab.

Hermetik und Exaltation sind zwei sich bedingende Kennzeichen von Paranoia.

Und was die Dialektik zwischen Schauplatzenge einerseits, drastischer Emotionshöhe und massiver Thematik betrifft, kann der 37-jährigen A. L.

Kennedy derzeit niemand das Wasser reichen. Ihr Roman behandelt zwei abendländische Königsthemen und verschränkt sie in der Figur der 19-jährigen Mary Lamb: die Entmachtung der Dreieinigkeit, dargestellt am Zerfall der familiären Vater-Mutter-Kind-Triade

die Existenzgeschichte von Schrift und Literatur, dargestellt an der Entstehungsgeschichte weiblicher Künstlerschaft.

Mary Lamb wuchs ohne leibliche Eltern auf. Die Mutter verließ den Vater, als Mary vier Jahre alt war (die Familiensituation erinnert ebenfalls an Vineland von Pynchon) und gab sie einige Zeit später bei Marys homosexuellem Onkel und dessen Lebensgefährten ab. Eine intakte, vollkommen glückliche Ersatzfamilie, die Mary verlässt, als sie 19 ist. Sie will Schriftstellerin werden. Sie erhält ein Stipendium, besser gesagt, eine Initiationseinladung auf die Schriftstellerinsel, um dort in sieben Jahren, von 1990 bis 1997, und anhand von sieben Regeln, die sie schrittweise erfährt, in das Wesen des literarischen Schreibens eingeweiht zu werden. Ihr Mentor auf der Insel ist Nathan. Er ist indes auch, was Mary nicht weiß und nicht erfährt, ihr leiblicher Vater.

Im Fegefeuer der A. L. Kennedy

Das ist der Plot. Gewebt aus den Stoffen antiker Tragödien, eingefärbt in zeitgenössische Muster. Nathans Kampf um die Wiedergewinnung der verlorenen Nähe zu seiner Tochter, deren Kampf um ihren ersten Roman, das ist die Geschichte. Die Geschichte einer Pallas Athene, die, um Künstlerin zu werden, noch einmal, aus dem Kopf des Vaters, geboren werden muss. "Der Kopf" ist auch der Name eines Berges, in dessen Krater Nathan die angehende Schriftstellerin eines Tages hinunterführt, um ihr in einer Mystiklektion ein aus Stein geformtes Männergesicht zu zeigen, das allegorische Antlitz der Kunst.

Schwer wäre der pathetische Furor solcher Sequenzen, ja, die gesamte Gedankenkonstruktion des Romans zu ertragen, wenn es in ihm andererseits rhetorisch und episodisch nicht zuginge wie in der übelsten Fernfahrerkneipe.

Kennedys Fantasie ist ein unerschöpflicher Quell schärfster Sarkasmen, derbster Spötteleien, ordinärster Einfälle. Und Kennedys literarische Seele ist von beglückender Weite. Kennedy albert und blödelt, dass sich die Balken biegen. Und sie stellt sich mit aller Kraft ihrer darstellerischen Intelligenz vor ein Rührungsbild wie jenes, das den verzweifelten Nathan als Pilger am Ort Golgatha zeigt, um dieses äußerst empfindliche Bild gegen das Eindringen von Banalität und Sentimentalität zu verteidigen. Auf eine solche Autorin, so jäh wie besonnen, so kühn wie texttechnisch kalkulierend, hat man gewartet.

Ein weiteres Merkmal literarischer Paranoia: das obsessive, fast abergläubische Verhältnis zu Motiven, Attributen, bestimmten Konstellationen und ihre nicht enden wollende Abarbeitung. Es gibt in Alles, was du brauchst nicht eine, sondern mehrere Ersatzfamilien, nicht eine, sondern mehrere multiple Vaterschaften. Nathan beispielsweise, gemeinsam mit den zwei schwulen Onkels einer der drei Väter von Mary, befindet sich selbst in der Rolle eines Kindes, um den sich zwei väterliche Mentoren, Joe, der Chef der Schriftstellersekte, und Jack, sein trunksüchtiger Londoner Lektor, kümmern.

Zugleich ist Nathan im Figurennetzwerk schon namentlich mit Jonathan verknüpft, dem Jonno genannten Liebhaber Marys, den sie der Schriftstellerei zuliebe verlassen hat. Und Marys Name ist ein Teilanagramm des Namens ihrer Mutter Maura, der sie in den Augen Nathans ohnehin wie aus dem Gesicht geschnitten ist.

Von Elfriede Jelinek abgesehen, dürfte es derzeit keine Schriftstellerin geben, die so wie A. L. Kennedy am Unschönen, Verunstalteten, Gewalttätigen interessiert ist. Aber der Vergleich zwischen der Österreicherin und der Schottin, die sich an hochgradigem künstlerischem Eigensinn nichts nehmen, zeigt auch den Unterschied ums Ganze. Was Kennedy letzten Endes interessiert, ist nicht Negativität, sondern deren Gegenspiel: die Erlösung. Es mag in ihren Büchern zugehen wie in der Hölle, aber es sind Purgatorien. In zwei Urszenen, auf die Kennedy immer wieder zurückkommt, spitzt sich das Kontrastverhältnis zwischen destruktiven und erlösenden Kräften zu. Beide Handlungen sind leiblicher Natur. Die eine: der Suizidversuch, maßgeblich in Alles, was du brauchst, geschildert am Anfang von Kennedys Buch über den Stierkampf und durchlitten von der weiblichen Hauptfigur im Roman Gleißendes Glück, die, bevor sie zu ihrem Retter flüchtet, noch einmal zum barbarischen Ehemann zurückkehrt, um sich halb tot prügeln zu lassen. Die andere: die gütige Berührung. Zärtlichkeit heißt die starke Feindin der Paranoia. Wenn sie auftritt, kehrt augenblicklich Ruhe ein im Tempel der Getriebenen.

Kennedy selbst ist ein unruhiger Geist. Jeder Satz ein Ruck, jeder Absatz eine energetische Aufladung, jede Szene eine kleine Explosion. In Entfernung vom Epischen entwickelt sie ihre Meisterschaft des eruptiven Erzählens.

Im Fegefeuer der A. L. Kennedy

Zwangsläufig ist ihr Roman eine einzige Monolog- und Dialogkaskade. Aber für die Beobachtung und Beschreibung des körperlichen Kontaktes ihrer Figuren nimmt Kennedy sich Zeit. Die um die Schulter gelegte Jacke, das Aneinanderlehnen, die eine auf der anderen Hand, der Kopf des einen Onkels im Schoß des anderen - all diese Gesten beziehen sich direkt oder indirekt auf das Bild der Pietà und sind Versprechen auf gelingendes Glück.

Die Geschichte des Romans fordert grausame Opfer. Nathan und Mary indes kommen davon. Die Tochter beginnt eine schriftstellerische Laufbahn. Der Vater macht sich endlich an einen "anständigen Roman". Alles, was du brauchst ist mehr als anständig. Es ist die europäische Antwort auf Thomas Pynchon und die Antwort des weiblichen Geschlechts auf die Idee lebensvernichtender Kunsterzeugung. Das macht den Roman interessant. Aber Alles, was du brauchst ist mehr als interessant. Es ist ein Buch, das die Menschheit ohne jede Scheu von ihrer besten und von ihrer übelsten Seite anpackt, und wo es hinlangt, entsteht Größe.

A. L. Kennedy:

Alles, was du brauchst

Roman

aus dem Englischen von Ingo Herzke

Wagenbach Verlag, Berlin 2002

Im Fegefeuer der A. L. Kennedy

573 S., 30,40 e