Mr. Bush soll schnorcheln

Die Ansichtskarten, es muss gleich gesagt werden, lügen. Wie immer. Sie zeigen Bacardi-Kitsch und Bounty-Reklame. Das sind maßlose Untertreibungen. Denn in Wahrheit ist der Strand, an dem wir stehen, viel schöner, und man zögert nicht, das Wort paradiesisch zu verwenden. Der Ozean türkis und smaragdgrün bis aquamarinblau. Der Sand blendend weiß wie Frühjahrsfirn. Dahinter eine Galerie von Takamaka-Bäumen und windzerzausten Kokospalmen. Im Wasser Myriaden von silbernen Fischen, zwischen denen eine Riesenschildkröte gründelt. Und über der Bucht, die von dunklen Granitfelsen gerahmt wird, segelt ein Flughund. Es werde das Meer, das Land, es werden die Bäume und die Vögel des Himmels… man möchte meinen, die ersten Schöpfungstage seien erst neulich gewesen. Dann fängt auch noch der mirakulöse Goldregen an, ein Tropenguss im hellsten Sonnenschein, flüssiges Licht auf der Haut.

Die Anse Georgette auf der Insel Praslin ist der wundervollste Strand der Seychellen. Er gräbt sich ins Gedächtnis wie ein Archetypus. Wie ein Urbild, das alle anderen Impressionen so nachhaltig überlagert, dass man sogar den Anlass der Reise vergisst: Wir wollten herausfinden, warum die Seychellen so gut dastehen wie kein zweiter Staat Afrikas. 115 Granit- und Koralleninseln irgendwo im Indischen Ozean, verstreut auf 2000 Kilometern, abgeschnitten von den Wirtschafts- und Verkehrsströmen der Welt, keine Bodenschätze, ein einziges nennenswertes Exportgut – Tunfisch – und in allen kontinentalen Statistiken an der Spitze: Pro-Kopf-Einkommen, Lebenserwartung, Einschulungsquote. Was ist das Erfolgsgeheimnis dieser Inselrepublik?

Gewaltverbrechen und Arbeitslosigkeit sind Fremdwörter

"Der Tourismus", antwortet Simone de Comarmond. "Er erwirtschaftet 70 Prozent unserer Deviseneinnahmen." Deshalb hat Madame de Comarmond, die zuständige Ministerin, eine gewichtige Stimme im Kabinett. "Wir sind kein billiges Reiseziel. Pro Jahr kommen nur 130000 Gäste. Aber wir können ihnen etwas bieten, was sie woanders kaum noch finden: Natur pur." Das übliche Werbegeklingel zur Begrüßung, denkt sich der Reporter, so nichtssagend wie der Slogan ihrer Marketingabteilung: As pure as it gets . So rein wie möglich. Acht Tage später denkt er ganz anders darüber.

Es geht ihm vermutlich wie allen Besuchern, die beim Abschied seufzen: Glückliche Insulaner! Hunger, Dürren, Heuschreckenschwärme und all die anderen biblischen Plagen sind ihnen unbekannt. Sie werden nicht einmal von Wirbelstürmen heimgesucht, ihre Inseln liegen außerhalb des Zyklongürtels. Die Geiseln der Tropen – Malaria, Gelbfieber, Schlafkrankheit – verschonen sie. Es gibt keine bösartigen Tiere, kein giftiges Gewürm, und nicht einmal die Immen scheinen zu stechen. Auch die Errungenschaften der Zivilisation sucht man vergebens, die Müllberge, den Verkehrsstau, die Fast-Food-Kette, die Hotelburg, den Hundehaufen auf dem Trottoir. Arbeitslosigkeit? Gewaltverbrechen? Lauter Fremdwörter. Die Ampelanlage in der Hauptstadt oder, präziser: im Hauptdorf Victoria auf der Hauptinsel Mahé ist die einzige der gesamten Inselrepublik.

Die Seychellois wären gewiss das sorgloseste aller Völker, gäbe es nicht die Welt da draußen, jenseits des Meeres. Sie hat zum Beispiel das Aids-Virus gebracht, 157 Ansteckungen sind bislang registriert. Und El Niño, den Vorboten des globalen Klimawandels. Neulich, beim Erdgipfel der UN in Johannesburg, schlug die Delegation der Seychellen Alarm. Wir versinken! Sie hätten auch rufen können: Besuchen Sie die Seychellen, solange es sie noch gibt. Denn der Meeresspiegel steigt, der Ozean wird wärmer. Die maritime Biosphäre – wertvollstes touristisches Kapital des Landes – ist bedroht. Im Jahre 1997 stellte man mit Schrecken fest, dass 90 Prozent der Korallenriffe erbleicht waren – eine unmittelbare Folge des Temperaturanstiegs. Deshalb redet die Regierung manchmal wie die Aktivisten von Greenpeace. Sie hört nicht auf zu warnen, und sie tut was. So hat sie zum Beispiel einen vorbildlichen Plan zum Management der ökologischen Ressourcen ausgearbeitet. Es gibt acht Nationalparks und vier Reservate, um die einzigartige Flora und Fauna zu bewahren. 49 Prozent der Landesfläche stehen unter Naturschutz, das ist Weltrekord.

"Mr. Bush soll uns anhören, das ist alles, was wir wollen", forderte Ronny Jumeau beim Erdgipfel. Vielleicht sollte der Umweltminister den US-Präsidenten einfach zum Schnorcheln an der Anse Georgette einladen. Dann würde er erkennen, welche Naturschätze gefährdet sind, und schnell das Kyoto-Protokoll zum globalen Klimaschutz unterzeichnen.

Aber als die Herren in Washington das letzte Mal im Atlas nachschauten, wo die Seychellen liegen, beschäftigte sie ein ganz anderes Thema: das Investitionsgesetz aus dem Jahre 1995. Ein Regierungsbeamter bezeichnete es als "offene Einladung für Kriminelle". Denn dieses Gesetz schützt Anleger, die mehr als zehn Millionen Dollar ins Land transferieren, vor peinlichen Quellenangaben; zudem verhindert es die Auslieferung zwielichtiger Investoren und die Beschlagnahme ihres Kapitals. Hinter den rauchverglasten Fassaden in Victoria werden Finanzdienstleistungen aller Art angeboten, diskret, versteht sich, und offshore, also weit weg vom Fiskus. Nestbeschmutzer sagen, ihre Hauptstadt sei ein Hafen für Geldwäscher und Steuerflüchtlinge. Fest steht: Auch diese dunkle Branche mehrt den Wohlstand der Inselrepublik.

Mr. Bush soll schnorcheln

Es gab eine Zeit, in der die Seychellois die Globalisierung noch für ein vergleichsweise anständiges Geschäft hielten. Damals, als Korsaren wie Jean François Houdoul im Auftrag der französischen Revolutionsregierung noch englische Handelsfregatten um deren andernorts geplünderte Kolonialwaren erleichterten. Der Freibeuter ruht auf dem alten Friedhof von Victoria, den allmählich die Tropen zurückerobern. Aber das Epitaph auf der verwitterten Grabplatte ist noch gut leserlich: "Il fût juste – er war gerecht."

Der bevorzugte Schlupfwinkel der Piraten lag auf Frégate Island, zwei Bootsstunden von Mahé entfernt. Wir stehen vor einem bemoosten Steinhaufen, unter dem angeblich das Beutegut lagerte, und würden uns nicht wundern, wenn jetzt der alte Ben Gun aus der Schatzinsel zu singen anfinge: "Siebzehn Mann auf des toten Mannes Kiste, oho…" Heutzutage ist dieses Eiland eine Schatzinsel ganz anderer Art. Steve Hill, auf dessen Visitenkarte Inselhüter und Ökomanager steht, nennt es "die letzte Arche Noah". Während er uns herumführt, wiederholt er immer wieder den Satz: "Dies findest du nirgendwo sonst auf dem Planeten." Zum Beispiel den kakaobraunen Käfer hier, Polposipes herculanus. Oder dort, der halbwüchsige Baum, Vateriopsis seychellarum, von dem noch ganze 30 Exemplare existieren. "Ein eisenhartes Holz, kahl geschlagen von Schiffsbauern." Oder der schwarze Vogel mit den weiß gefleckten Flügeln, der über den Waldpfad hüpft. "Du siehst gerade ein Prozent seiner Art." Es ist eine Elsterdrossel, eine von 100, die noch übrig geblieben sind. Oder der Koloss, der soeben aus dem Dickicht robbt: eine Riesenlandschildkröte, 140 Jahre alt. Einzigartigkeit allerwegen, so geht das zwei Stunden lang.

Es duftet nach Zimt und wilder Vanille, eine warme Brise kämmt durch die Kronen der Würgerfeigen und Drachenblutbäume, und manchmal öffnet sich der Blick auf Buchten, die auch auf dieser Insel so himmlisch anmuten, als hätte sie noch nie ein Menschenauge erblickt. Erst Anse Bambous, dann Anse Macquereau, dann der Strand, den die New York Times zum schönsten der Welt erkoren hat: Anse Victorin.

Es kostet viel Geld, auf Frégate Island zu logieren, verdammt viel Geld: 2300 Euro pro Nacht, Steuern und Privatbutler inklusive, Mindestaufenthalt fünf Tage, Anflug per Helikopter, dazu die Garantie, dass kein Paparazzo auf irgendeiner Palme hockt. Neulich war Paul McCartney zu Gast, Villa 16. Edelhölzer, Marmor, Reet, Glas, Seide, afrobalinesischer Stil, groß, still und hell, Freiluftduschen, das Bett im Tropengarten, alles vom Erlesensten.

Das ganze Eiland ist in Privatbesitz. Das ärgert einige Seychellois. Nicht nur, weil sich dieses Refugium der Millionäre kein normaler Mensch leisten kann, sondern weil sie es nicht einmal betreten dürfen. Selbst dem einheimischen Personal auf der Insel ist es untersagt, die Strände zu benutzen. Aber das gehört zur exklusiven Vermarktungsstrategie der Seychellen. Sie setzen auf einen Ökotourismus der ersten Klasse. "Wir verkaufen einen Traum, und der hat seinen Preis", erklärt Zoritsa Nibourette, die Marketingchefin beim Tourismusverband. Der Vorteil: keine lärmenden Neckermänner, keine Schlafsilos, keine Massenabfertigung. Der Nachteil: stratosphärische Preise, die nicht immer den Leistungen entsprechen. Es kann einem selbst in einem Luxusresort passieren, dass man für ein dürres Huhn ohne Beilagen, das bei Kentucky Fried Chicken besser geschmeckt hätte, 30 Euro hinblättern muss. Überdies sind die Kellner nicht allzu aufmerksam und flink schon gleich gar nicht.

Aber wer wollte sich darüber aufregen? Ist man nicht hierher gejettet wegen der wunderbaren Langsamkeit, die in unserer zeitfressenden und tempozidalen Ära zu einem knappen Gut geworden ist? Sollen wir der Matrone an der Bucht von Beau Vallon zürnen, die ausgerechnet zur schönsten Sonnenuntergangszeit keinen Sundowner servieren will? "Non, monsieur", grummelt sie, "die Bar Baobab macht erst um halb sechs auf." Ob man sich denn ein Bier im Laden nebenan holen könne? Pas de problème. Es stört sie nicht.

Böse Zungen würden von Faulheit reden oder wenigstens von mangelndem Geschäftssinn. Den Engländern, Herren der Insel seit der napoleonischen Zeit, ist es jedenfalls nicht gelungen, die Insulaner zur protestantischen Arbeitsethik zu bekehren – die Trägheit der Tropen war stärker. Alles dauert, nichts hat Eile. Man sitzt im Schatten, schaut, döst, sinniert. Wie der alte Mann vor dem kleinen Kramladen, den man für eine Holzfigur hätte halten können. Wann immer wir vorbeifuhren, stets hockte er reglos und starr auf der Veranda. In Afrika nennt man das die Kultur des Müßiggangs, aber die Insulaner haben es nicht so gern, wenn sie an ihre Cousins auf dem Festland erinnert werden.

Mr. Bush soll schnorcheln

"Wir sind Seychellois", sagt Nigel Henri, "das ist ein Mix aus Europa und Afrika mit einem Schuss Asien." Zur Illustration zeigt er uns die Skulptur an der Independence Avenue in Victoria, deren mächtige Schwingen die drei Kontinente symbolisieren. Das Werk eines verstorbenen Kollegen. Henri, der berühmteste Künstler der Inselrepublik, verkörpert eine viel gelungenere Anschauung der Mischlehre – er sieht aus wie der junge Harry Belafonte.

Im Vallée de Mai soll Adam von Eva verführt worden sein

Erdgeschichtlich gehören die Seychellen schon lange nicht mehr zu Afrika; sie wurden abgespalten, als der gewaltige Urkontinent Gondwana am Ende des Mesozoikums auseinander driftete. Ungefähr hundert Millionen Jahre später, um 1770 herum, landeten die ersten Siedler auf Mahé. Weiße Herren und ihre schwarzen Sklaven, dazu ein paar Inder. Sie sind die Urahnen des kreolischen Inselvolkes, 80000 Menschen, so viele wie im westfälischen Minden. Alle Vorfahren haben in ihrer cross culture Signaturen hinterlassen: die Franzosen den Katholizismus inklusive Marienkult; die Engländer die Bürokratie, den Linksverkehr sowie eine Miniaturausgabe des Big Ben; die Asiaten das Handelswesen; die Afrikaner die Musik, die Tänze, den Aberglauben. Und auch den Stil der Politik.

Seit einem Vierteljahrhundert regiert der gleiche Mann, erst kommunistisch, jetzt halbwegs demokratisch, aber stets im Gutsherrenstil. Staatschef France-Albert René, 1977 per Putsch an die Macht gekommen, hält sich an die Devise: Einmal Präsident, immer Präsident. In der Hotelrezeption, im Postamt, beim Einkaufen, allerorten schaut uns seine Ikone an. Sogar am Eingang zum Vallée de Mai wacht das strenge Lächeln des Big Man.

Man sollte die Seychellen nicht verlassen, ohne dieses Tal auf der Insel Praslin gesehen zu haben. Es birgt die sonderbarste aller botanischen Erscheinungen, die Coco de Mer, eine Palme, die die erotischen Fantasien beflügelt. Ihre Frucht, 20 Kilo schwer, ähnelt einem üppigen Frauenbecken, die männlichen Blütenstände sind phallisch geformt. Wir wandeln durch einen Walddom, durch Palmengewölbe wie in der Kirche Saint-Severin zu Paris. Wir sehen Baumriesen auf Stelzen, Stämme mit Reifröcken. Im Vallée de Mai sei Adam von Eva verführt worden, fabulierte einst General Gordon, der britische Kolonialheld, hier stehe der Baum der Erkenntnis – die Coco de Mer. Rein theologisch betrachtet, muss man das wohl so stehen lassen: die Seychellen, der Garten Eden.

InformationAnreise:
Mit Air Seychelles (Sondertarif 1425 Euro) oder Condor (derzeit 1070 Euro, von Mitte Dezember an 1500 Euro plus Steuern) ab Frankfurt am Main nonstop nach Mahé Unterkunft:
Le Meridien Fisherman’s Cove, Mahé. Das alte Flaggschiff der Küstenhotels, nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand, aber voller Charme und in Würde ergraut Lémuria Resort, Praslin. Luxusherberge von höchster Qualität, spektakulärer Felsenpool, traumhafte Strände (Anse Georgette!), dazu eine tropische 18-Loch-Golfanlage, die ihresgleichen suchtFrégate Island Private. Eine Filiale des Paradieses, unbeschreiblich schön, überirdisch teuerVeranstalter:
Airtours – Flug, 7 Übernachtungen, zum Beispiel im Lémuria Resort, Praslin, je nach Reisezeit von 3509 Euro an (pro Person in der Junior-Suite). Terramar – Flug, 1 Woche im Banyan Tree, Mahé, rund 4600 Euro je Person. Meiers Weltreisen – Le Meridien Fisherman’s Cove, Mahé, Flug, 6 Übernachtungen, je nach Kategorie, Belegung und Reisezeit pro Person von 1859 Euro an Restaurants:
La Scala. Bestes mediterranes Restaurant in Bel Ombre auf der Hauptinsel Mahé, Tel. 247535 Marie Antoinette, St. Louis, Mahé. Kreolische Küche und Atmosphäre, Tel. 266222Literatur:
Wolfgang Därr: "Seychellen"; DuMont Richtig Reisen, Köln 2001; 304 S., 22,50 Euro.
Martin und Lore Guderjahn: "Seychellen"; Polyglott Verlag, München 2001; 105 S., 7,95 Euro Auskunft:
Seychelles Tourism Marketing Authority c/o The Mangum Group, Herzogspitalstraße 5, 80331 München, Tel. 089/23662169, Fax 2604009, E-Mail: seychelles@mangum.de