Gut möglich, dass Dilon Djindji noch nie von Ibrahim Ferrer oder Compay Segundo gehört hat. Und doch könnte der alte Mann aus Mosambik seinen greisen kubanischen Compañeros mehr verdanken, als er weiß. Es ist wohl mehr als ein Zufall, dass der 75-Jährige gerade jetzt, nach den Erfolgen im Gefolge des Buena Vista Social Club, mit Dilon (World Music Network TUGCD1026) sein erstes Album für den Westen eingespielt hat.

Seit der Unabhängigkeit im Jahre 1973 hat Djindjis Heimatland vor allem durch Bürgerkriege und Überschwemmungskatastrophen Schlagzeilen gemacht, nicht durch seine Musikproduktion. Nicht mal ein Dutzend Tonträger ist aus der Popszene des Landes nach Europa gedrungen. Die Hauptstadt Maputo kennt man aus der Tagesschau, nicht wegen ihres Sex-Appeals. Und doch ist das alte Mosambik mit seiner Jahrhunderte währenden portugiesischen Kolonialgeschichte, den bröckelnden Prachtfassaden und verwahrlosten Boulevards das passende Ambiente für die melancholisch schwingende Musik des Dilon Djindji. Die dazugehörigen Geschichten muten oft so verschlungen an wie der Lebensweg des Bauernsohns aus Marracuene, tief im Süden des Landes. Mit zwölf baute er aus einem Ölkanister seine erste, dreisaitige Gitarre, er war Pfarrer und spielte nebenbei auf Hochzeiten und Tanzfesten, später malochte er jahrelang in den südafrikanischen Minen. Nach seiner Rückkehr 1960 revolutionierte er den Marrabenta, die Tanzmusik seiner Heimat. Djindjis flirrender Gitarren-Sound erinnert an kongolesischen Soukous, seine Harmonien klingen wie südafrikanischer Jive.

Und doch ist das mosambikanische Flair unüberhörbar. Vertrackte Polyrhythmen irgendwo zwischen 4/4- und 6/8-Takt umkreisen einander in geringfügigen Variationen, ebben ab und fluten heran wie das Rauschen des Ozeans. Ein lichtes Geflecht aus Tönen tanzt über den präzisen Bass-Wellen. Akustische Gitarren, Mandolinen, ein Saxofon und Hintergrundchor - Dilon trägt lieber zu spärlich als zu dick auf. Mit seiner Band, den Estrelas de Marracuene, verhält er sich zum modernen, elektrisch verstärkten Marrabenta-Rock wie die Son-Sänger zu ihren Salsa-Enkeln: lauter Botschafter des Verlorenen. Wen interessiert es da, dass man dem singenden Greis die eine oder andere Zahnlücke anhört? Djindji muss niemandem mehr etwas beweisen. Große Themen wie Liebe und Schuld handelt er an kleinen Beispielen ab, der Swing seiner Band hebt alle Schwerkraft auf. Wird dieser Mann demnächst in Buena-Vista-Manier vor den Feuerzeugmeeren westlicher Arenen singen? Nur die Gravitationsgesetze der Plattenindustrie können Dilon Djindji noch am Abheben hindern.