Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende: schön, hoch begabt, politisch engagiert, nie aufgebend trotz schwerer Krankheit. Picasso, Duchamp und Kandinsky bewunderten ihr Talent. Jetzt, fast fünfzig Jahre nach ihrem Tod, scheint die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907 bis 1954) auch zur Pop-Ikone zu werden. Waren damals der russische Revolutionär Leo Trotzkij und der Galerist Heinz Berggruen von ihrer Persönlichkeit fasziniert, gehören heute Madonna und Robert DeNiro zu ihren Bewunderern und Sammlern. Im Internet chatten inzwischen jugendliche Fans über die schillernden Facetten ihres 47 Jahre kurzen Lebens. 2,3 Millionen Karten wurden zum Start des in Hollywood-Manier gedrehten Films Frida in den USA verkauft, die Hauptrolle spielt die allen Lesern von Hochglanzblättern bekannte Selma Hayek. Das Melodram über die "Malerin der Schmerzen" (so ihre Biografin Hayden Herrera) steht in Mexiko seit Wochen auf Platz eins; im Februar kommt es in die deutschen Kinos.

Schon in den siebziger Jahren wurde die Tochter einer Mexikanerin und eines Deutschen für die feministische Kunst neu entdeckt, der abermalige Popularitätsschub am Beginn des neuen Jahrtausends gibt nun auch dem Kunstmarkt frische Impulse. Selten kam in den vergangenen Jahren eines ihrer ikonenhaften Selbstporträts auf den Markt, jene Bilder mit der stolz-statuarischen Haltung und dem den Betrachter auf Abstand haltenden und gleichermaßen fixierenden Blick unter den prägnanten schwarzen Augenbrauen.

Zur 25. lateinamerikanischen Auktion in New York im Mai 2001 konnte Sotheby's ein Kahlo-Porträt ihrer Schwester Christina von 1928 anbieten - für knapp 1,7 Millionen Dollar wurde das handliche Ölbild zugeschlagen. 27 Jahre ist es her, dass zwei Briefe aus dem persönlichen Nachlass der Malerin verkauft wurden. Umso außergewöhnlicher ist, was Sotheby's in New York am 13. Dezember aufrufen wird: ein ganzes Konvolut von Dokumenten aus einer Zeitspanne von 13 Jahren, darunter Kahlos Naturalisierungsurkunde mit Passbild, den letzten Brief an ihren Mann, den mexikanischen Freskenmaler Diego Rivera, und bezaubernd illustrierte Schriftstücke und Briefumschläge. Diese Versteigerung wäre nach Meinung der Expertin Sandra Sider "ohne den Rummel um die Verfilmung eher unwahrscheinlich gewesen".

Nach dem Tod von Frida Kahlo bat Rivera eine Studentin, ihm beim Ordnen ihrer beider Ateliers behilflich zu sein. Die rund 60 persönlichen Dokumente überließ er ihr zum Dank. "Als Frida Kahlo starb", so Sandra Sider, "war ihr Werk bei weitem noch nicht so geschätzt wie heute." Was die inzwischen betagte Dame nun veräußert, könnte wegen der derzeitigen postumen Popularität hohe Preise bei Memorabilia-Liebhabern erzielen. Um das teils verkitschte, teils verklärte Bild der Künstlerin wissenschaftlich weiter aufzuarbeiten, wünschte man sich allerdings als Bieter eher das National Museum of Women in the Arts in Washington oder das Museum Frida Kahlo im so genannten Blauen Haus in ihrem Geburtsort Coyoacán, einem Vorort von Mexico City. Dort wurde die Künstlerin geboren, dort verbrachte sie einen Großteil ihres Lebens, überstand Polio, einen schweren Verkehrsunfall und die Amputation des rechten Beines. All die Schicksalsschläge kaschierte sie mit ihren folkloristischen mexikanischen Kostümen, Unmengen von Schmuck und unbändiger Lebenslust. Im Blauen Haus entstanden die meisten ihrer etwa 200 zumeist noch in Privatbesitz befindlichen Gemälde, von denen sie viele ans Bett gefesselt und liegend gemalt hat. Deshalb sind die meisten zwar von kleinerem Format, aber nach André Breton so kraftvoll "wie ein farbiges Band um eine Bombe".

In drei Lose sind die Erinnerungsstücke sortiert, die mehr als vierzig Jahre im Archiv geschlummert haben. Drei Briefe an ihren Förderer und Freund Sigmund Firestone und seine zwei Töchter sind auf 20.000 bis 25.000 Dollar angesetzt, dazu gehört auch das 1983 in der Biografie von Herrera zitierte Schreiben voller Trauer über die Trennung von Diego Rivera, versehen mit magentaroten Lippenstiftküssen, Federn und getrockneten Blumen. Auf mehr als das Zehnfache geschätzt ist das Los Nummer 117 mit 50 Schriftstücken, inklusive 17 hypothetischen Fragen an Leo Trotzkij. Als der in Kahlos Heimatort ermordet wurde, kam sie für zwei Tage in Haft und notierte die Fragen auf der Rückseite eines Skizzenbuches. In ihrem letzten Brief an Diego Rivera vom 19. April 1953 schreibt sie: "Ohne Dich würde Mexiko gar nicht existieren." Aus dem gleichen Nachlass stammen diverse gemeinsame Schriftstücke, illustrierte Werke und Briefe von Rivera (5000 bis 20.000 Dollar). Einer dokumentiert seinen Rausschmiss und die Zerstörung einer Wandarbeit am Rockefeller Center in New York - Rivera hatte sich geweigert, sein gemaltes Lenin-Porträt zu überpinseln.