Im gegenwärtigen Stimmengewirr hat die Rede von der Religion einen dunklen und unklaren Klang. Die einen feiern mit stiller Genugtuung die Wiederkehr der Religion, ganz so, als bekomme die gottlose Moderne nun die Quittung für ihren Hochmut, die alten Glaubensmächte durch aufgeklärte Denk- und Lebensweisen ersetzen zu wollen. Doch ebenso vernehmlich ist der Chor jener, die in der Religion eine Gefahr für das friedliche Zusammenleben der Menschen sehen, eine Quelle von Gewalt und Intoleranz. Monotheistische Religionen, vor allem der Islam, zögen eine Blutspur durch die Geschichte der Menschheit. Unterdrückung sei ihr Gesetz und ein Schuldkomplex ihr Fluch. Wo Friede war, stifteten sie Feindschaft. Deshalb könne unsere vom religiösen Wahn heimgesuchte Gesellschaft nur auf eines hoffen: dass das monotheistische Erbstück endlich verschwindet oder sich in antike Heiterkeit und weltbejahende Vielgötterei auflöst.

Das Jahrbuch Politische Theologie hat sich von der neuen Religionskritik herausfordern lassen und einem prominenten Kritiker des biblischen Monotheismus, dem Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann, das Wort gegeben. Für Assmann ist die Gewalt, die Islam und Christentum über die Welt gebracht haben, keine historische Verirrung, sondern logische Folge der ursprünglichen Botschaft – der elementaren Unterscheidung von wahr und falsch, gut und böse. Moses sei die Symbolfigur dieser "menschheitsgeschichtlichen Wende". Er ersetze die leuchtende Vielheit der Götter durch den einen Gott, entvölkere den ägyptischen Himmel und entzaubere jene Mythen, die die "menschliche Schicksalswelt", ihr Glück und ihr Leid, als sinnvolles Ganzes beschreiben.

Kurzum, der jüdische Monotheismus zerstöre das "symbiotische Verhältnis" zum Dasein und setze mit der Leitdifferenz von wahrem Gott und falschen Göttern auch die fatale Unterscheidung von Freund und Feind in die Welt. Er "definiert, wer die Feinde Gottes sind und wo sie stehen… In der Darstellung der alttestamentlichen Texte wurde der Monotheismus in Form von Massakern durchgesetzt." Allerdings, so räumt Assmann ein, nicht das Judentum, diese "Kultur der Differenz", sondern "ausschließlich Christen und Muslime" hätten die "biblische Gewalt in die Tat umgesetzt".

Auch wenn Assmann diesmal konzilianter argumentiert, so ist das für die Theologen in diesem Band immer noch starker Tobak. Sie bestreiten zwar nicht die manifeste Gewaltgeschichte des Christentums, in der noch während des Balkankrieges Mönche als "Avantgarde des Pogroms" auftraten, wie der Berliner Religionsphilosoph Richard Faber schreibt. Auf Widerspruch stößt aber Assmanns Behauptung, schon die Grundlogik des biblischen Monotheismus, seine Wahr-falsch-Differenz, sei gewaltförmig. Folge man dieser Logik, so der Münsteraner Theologe Ottmar John, dann wären nur jene Religionen "wahr", die auf die ethische Unterscheidung von wahr und falsch ganz verzichteten.

Auch die gern gehörte Behauptung, Moses habe den ewigen Frieden und das tolerante Ganze der antiken Götterwelt zerstört, erscheint vielen Beiträgern als historisch blind. Es stimme zwar, so Alois Halbmayr (Salzburg), dass die monotheistische Aufklärung dem "Kosmos viel an Wertschätzung genommen hat"; aber friedfertig war die darunter liegende Welt nicht. Ständig "wurden im Namen lokaler Gottheiten Kriege geführt", und die Unterscheidung von Freund und Feind "war schon im Alten Ägypten allgegenwärtig".

Es ist diese grausame Realität, auf die die Bibel reagiert. Sie beklagt das "Versagen der Götter" und betreibt eine spektakulär neue Form von Gewaltkritik. Gewalttätig wurde der Monotheismus erst, als er sich selbst eine politische Form gab, "ins Bett des Kaisers" legte und mit den Mächten der Welt kollaborierte.

Ursprünglich, so machen einige Autoren des Bandes geltend, sei das biblische Israel mit dem altorientalischen Polytheismus verwoben gewesen. Später, im sechsten Jahrhundert, entstehe ein Monotheismus, der auf faszinierende "Weise die Perspektive ,Einheit der Vielheit‘ realisiert, mit Priorität auf dem Aspekt der Einzigkeit". Dieser Glaube, so der Münsteraner Theologe Erich Zenger, habe sich nicht an der Unterscheidung von wahrem Gott und falschen Göttern ausgerichtet, sondern an der zwischen Unterdrückung und Freiheit. Jahwe bestimmt "sein Gott-Sein nicht als Antithese zur Vielzahl anderer Götter"; er "expliziert seine göttliche Einzigartigkeit mit der Antithese von Freiheit und Sklaverei. In den Zehn Geboten wird der Raum der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Solidarität gestiftet – von einem Gott, der sich darin als der wahre Gott erweist." Warum soll aus dieser Bestimmung der Zwang folgen, andere Religionen zu zerstören?

Während Assmann immerhin die "monotheistische Idee" "retten" will, geht es bei radikalen Religionskritikern, wie der Herausgeber Jürgen Manemann fürchtet, längst um eine neuheidnische Wende. Der politische Antimonotheismus, wie er von der "Neuen Rechten bis hin zu Martin Walser" betrieben werde, lege die Axt an die jüdisch-christlichen Wurzeln der europäischen Kultur, er "hasse" das Gleichheitsgebot der Bibel und schiebe ihr sämtliche Konflikte der Gegenwart in die Schuhe, frei nach dem Motto des französischen Rechtsintellektuellen Alain de Benoist: "Schon die Psalmen entwarfen den Klassenkampf." Der neurechte Antimonotheismus, der nahtlos an die "Parolen der Konservativen Revolution" anknüpfe, erniedrige das Gewissen zum "Instrument im Selbsterhaltungskampf", ersetze Aufmerksamkeit für den Nächsten durch Aufmerksamkeit für das Nächste und die christlich-jüdische "Moral der Sünde" durch die "heidnische Ethik der Ehre". In diesem Verständnis ist der Mensch nicht "Hüter des Bruders", sondern "Hüter des Seins."