Schon der Katalog lässt das Herz jedes Modelleisenbahnfans höher schlagen. Wie von der klaren Wintersonne bestrahlt, glänzen die pittoresken Hervorbringungen der Firma Faller auf gestrichenem Papier: Bahnhöfe, Kirchen, Fachwerkhäuschen, Stadttore, Wassermühlen, Tunnels, Stellwerke und Bahnsteige – natürlich alles en miniature. Jahr für Jahr im Spätsommer kommt das neue Verzeichnis, immer ein wenig dicker. 2500 Artikel umfasst die aktuelle Ausgabe, auf deren Umschlag ein schmuckes Riesenrad prangt: das Flaggschiff der neuen Kirmes-Kollektion, 52 Zentimeter hoch und effektvoll beleuchtbar. Maßstab 1:87. Ein Meisterwerk Schwarzwälder Tüftlerarbeit.

Im Vergleich zur Hochglanzwelt des Katalogs ist die Firmenzentrale der Gebr. Faller GmbH ziemlich nüchtern. Neben dem Glaskasten der Concierge ein schlichter Tisch mit Stühlen, gegenüber ein Ständer mit Prospekten der aktuellen Produktion. Der Fahrstuhl, der den Besucher in den siebten Stock trägt, stammt noch aus den Sechzigern. Es riecht nach Öl, Klebstoff, Undefinierbarem. Ein wenig angejahrt auch die Vorstandsetage. Den Wänden und Türen würde frische Farbe gut tun. Aber bei Faller wird eben nicht repräsentiert, sondern gearbeitet.

Die Firmenzentrale liegt in Gütenbach, einem kleinen Dorf im Hochschwarzwald, im südlichen Baden. Eigentlich ist der Standort eine Zumutung: 900 Meter über dem Meeresspiegel, kein Bahnhof, kein Autobahnanschluss weit und breit. Dafür viel schöne Natur, kurvige Sträßchen und jede Menge Schnee im Winter. Geschäftsführer Heinz Köntopp gibt sich gelassen ob des vermeintlichen Standortnachteils. "Das ist ein gewachsener Firmensitz, wir sind hier gebunden, mit allen Vor- und Nachteilen." Trotz der exponierten Lage ist Faller der weltgrößte Hersteller mit einem Marktanteil von deutlich über 50 Prozent.

Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1946 von den Brüdern Edwin und Hermann Faller und ist bis heute vollständig in Familienbesitz. Doch Verwandtschaft bedeutete in der bisherigen Unternehmensgeschichte nicht immer eitel Eintracht. Insbesondere nach dem Tode Hermann Fallers kam es, wie Geschäftsführer Köntopp berichtet, zum großen Familienknatsch. Doch seit fünf Jahren kann Köntopp unbeeinflusst von derartigen Streitereien schalten und walten. Damals übernahm Hermann Fallers Tochter, Ursula Herbertz, die Anteile ihres Onkels Edwin Faller und kontrolliert seitdem 95 Prozent des Unternehmens, den Rest hält ihre Cousine Isolde Sauer-Faller. "Seither ist Ruhe", sagt Köntopp, der 1964 bei Faller anfing und seit zehn Jahren allein die Geschäfte führt. Frau Herbertz greife nicht ins operative Geschäft ein.

So kann Köntopp die Schwarzwälder Erfolgsstory weiterschreiben, und trotz seiner 63 Jahre denkt er noch lange nicht an Rückzug ("Mein Vorbild ist Konrad Adenauer").

Die wichtigsten Mitbewerber heißen Vollmer und Kibri und sitzen ebenfalls in Baden-Württemberg. "Keiner von denen erreicht ein Viertel von dem, was Faller umsetzt", sagt Volker Schmid, Geschäftsführer des deutschen Verbandes der Spielwarenindustrie in Stuttgart. Insgesamt sei der Erfolg der deutschen Modelleisenbahn-Branche, in der Hersteller von "rollendem Material" wie Märklin aus dem württembergischen Göppingen und Zubehör-Produzenten wie Faller oder Vollmer vertreten sind, "ebenso sagenhaft wie rätselhaft". Seit 1985 habe sich deren Umsatz mehr als verdoppelt, woran auch Videospiele und anderer High-Tech-Ablenkungen nichts haben ändern können.

Faller hat das Glück, dass der Markenname längst zum Gattungsbegriff geworden ist. "Manche Leute verlangen im Geschäft ein Faller-Häuschen von Vollmer", sagt Fallers Marketingchef Michael Lang und ärgert sich nicht einmal darüber. Die Firmengeschichte, eine Erfolgsstory der Wirtschaftswunderzeit, ist in einem kleinen Museum zu besichtigen, das 1996 zum 50-jährigen Betriebsjubiläum eröffnet wurde. Dort steht der legendäre "Marathon"-Baukasten, den die Brüder Edwin und Hermann Faller unmittelbar nach dem Krieg auf den Markt brachten. Kinder konnten damit aus bedruckten Kartonteilen einfache Spielzeughäuser basteln.

1950 kamen fix und fertig gebaute Modelle aus Holz auf den Markt, die erstmals auf die Bedürfnisse der Hobbyeisenbahner zugeschnitten waren. Auch kleine grüne Bäumchen, Streumaterial und eine Spachtelmasse für den Geländebau fanden sich im ersten Faller-Katalog, der gerade mal zehn Seiten umfasste.