60 Prozent der Deutschen wollen auch Weihnachten vor allem eines: fernsehen. So hat es eine Umfrage ermittelt, und es gibt keinen Grund, an der Zahl zu zweifeln. Sie zeigt nur die Selbstverständlichkeit, mit der das Medium über unseren Alltag herrscht, seit es vor 50 Jahren seinen Siegeszug begann.

Das Jubiläum ist uns Anlass, hier und auf den folgenden Seiten einige Facetten dieser Herrschaft zu beleuchten. Zur Kenntnis der Wirklichkeit gehört heute die Kenntnis des Fernsehens. Wer nur Zeitungen liest, ist vielleicht besser informiert, aber eine entscheidende Information fehlt ihm: Er weiß nicht, worüber die fernsehende Mehrheit informiert ist. Nachrichten, Personen, Zeitstimmungen werden zu einer kritischen Größe erst im Fernsehen.

Das ist der Grund, warum die Parteien um Einfluss in den Sendern ringen

und das ist der Grund, mit dem sich heute noch die Existenz eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens neben dem privaten rechtfertigen ließe. Das zentrale Politikum einer Demokratie dem bloßen Profitinteresse des Kapitals zu entziehen, wäre die Zwangsfinanzierung durch Gebühren wert.

Unglücklicherweise haben sich die Landessender für eine andere Begründung entschieden. Sie suchen die Legitimation in der Zuschauerquote. Für eine gern gesehene Sendung, so hoffen sie, werden auch Gebühren gern gezahlt. Die Quote, die ursprünglich zur Festsetzung der Werbegebühren diente, verstehen die öffentlich-rechtlichen Sender als Plebiszit über ihre Daseinsberechtigung. Damit verkehrt sich der Sinn der Gebühren ins Gegenteil: Recht verstanden, müssten sie Erlösung von der Quote bedeuten und Ermunterung zu moralischer Unabhängigkeit.

Tatsächlich gibt es eine solche Unabhängigkeit heute nur in den Zeitungen, obwohl diese von privatem Kapital abhängen. In Zeitungen ist es üblich, unpopuläre Meinungen zu vertreten, wenn sie moralisch geboten scheinen

und übrigens selbst dann, wenn mit dem Verlust von Abonnenten sicher zu rechnen ist. Wann hätte je ein Sender gesagt, ich pfeife auf den Zuschauer, weil es um humane Standards geht? In den Sendern, auch den öffentlich-rechtlichen, herrscht ein angstvoller Blick auf die Quote, der jede Courage, jeden Ehrgeiz im Keim erstickt.