Das Imperium schlägt zurück. Oder sind es die Jedi-Ritter, die hier zurückkehren – leicht ramponiert, aber mit dem Herzen am rechten Fleck? Seit der beschleunigte Kapitalismus seinen Crash erlebte, seit der großen Pleite in der New Economy und an der Börse wähnen sich die Kritiker freier Märkte im Aufwind.

Ihre Argumente, ihre Wut und Verachtung richten sich gegen den "Neoliberalismus". Jedenfalls gegen das, was sie darunter fassen: eine "ideologische Weltmacht – scheinbar alternativlos", die sich den schrankenlosen Kapitalismus zum Ziel gesetzt habe, wie die Volkswirte Herbert Shui und Stephanie Blankenbrug in einem neuen Buch zum Thema formulieren.

Gegen dieses Feindbild treten gerade in Deutschland viele Kritiker an, um die Errungenschaften von dreißig Jahren expansiver Sozialpolitik zu verteidigen. Einig sind sie sich deswegen längst nicht. In der Politdebatte ist der Begriff "neoliberal" eine Sache des Standpunkts. Für Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, sind es beispielsweise die Gegner des gewerkschaftsfreundlichen Koalitionsvertrages, den müde Vertreter von Rot und Grün im Herbst zusammenzimmerten.

Der ehemalige SPD-Vormann Oskar Lafontaine findet vor allem neoliberal, was sein Lieblingsfeind Gerhard Schröder so macht. Und das ging nach seiner Interpretation natürlich und vollends nach hinten los. Die PDS hat das Meckern über die "neoliberale Politik der SPD" (Lothar Bisky) ohnedies zur Perfektion getrieben. Und man sieht: Lafontaine sucht sich seine Freunde, wo er sie finden kann.

Joschka Fischer, grüner Außenminister, meiert die FDP gern als neoliberal ab – das ist besonders beliebt. Die rot-grüne Politik in Berlin würde er dagegen nie derart bezeichnen. Wohl aber Amerika: Dort habe der Neoliberalismus sein "ökonomisches und moralisches Debakel" erlebt, betonte er mehrmals; davon sollten die Deutschen lernen. Umweltminister Jürgen Trittin führt die Logik weiter: "Die Grünen sind die einzige moderne Alternative zum weiteren Ausbau des weltweiten Neoliberalismus." Ja dann. Übrigens weist auch die Union auf Verlangen die Idee weit von sich, man könnte neo… Sie wissen schon.

Und der Bundeskanzler? Gerhard Schröder hatte im Sommer einen "deutschen Weg" beschworen, um sich, wie er hinterher erklärte, "von neoliberalen und rechtspopulistischen Strömungen in Europa abzusetzen". Auch eine hübsche Vermengung von feindlichen Überzeugungen.

Der Begriff ist hoffnungslos politisiert und vernebelt. Und er trifft auch historisch ins Leere. Die Neoliberalen – das waren die Väter der sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik. Sie umrissen die Liberalität neu, daher der Name, und legten Wert darauf, dass Märkte unter öffentlicher Ordnung am besten funktionieren. Daher verwendeten sie die Bezeichnung Ordoliberalismus.

Jenseits dieser Unschärfe verbirgt sich hinter dem diffusen bis diabolischen Gebrauch des Begriffs gleichwohl die gemeinsame Idee, hier sei ein ökonomisches Freiheitsprinzip zur Ideologie und zum Machtinstrument verkommen. Stimmt das? Tatsächlich läuft der Kapitalismus immer wieder zu heiß, Gier und Ignoranz bedrohen das System. So auch in den vergangenen Jahren. Manager außer Rand und Band täuschten Aktionäre und sich selbst. Bankanalysten vergaßen die guten Sitten, die auch ihr Geschäft kennt. Der Internationale Währungsfonds ließ sich von Interessen der Wall Street leiten. Liberalisierungen wie die der britischen Eisenbahn oder der kalifornischen Stromwirtschaft führten ins Verderben, weil geeignete Rahmenbedingungen fehlten. Wo der Staat seine Ordnungsaufgabe vernachlässigt, gerät die Marktwirtschaft in Gefahr.

So weit also hätten die Kritiker des Neoliberalismus" ein Argument – übrigens kein neues. Bloß schütten sie das Kind mit dem Bade aus, die Ideologie mit der Ökonomie. Und genau da lauert die Gefahr.

Ökonomie ist kein Gehirnwäscheautomat, sondern die Lehre von den Knappheitsverhältnissen. Und die begannen sich schon zu verändern, als die sozial-liberale Regierung von Willy Brandt Anfang der siebziger Jahre noch kräftig auf den bestehenden Sozialstaat draufsattelte: Öl wurde teurer, Kapital weltweit knapper.

Und sie änderten sich zumal nach 1989, erst recht in Deutschland. Mit der Wiedervereinigung kamen neue Unterschiede ins Land: zwischen den erlernten Fähigkeiten der Arbeitskräfte und zwischen den so unterschiedlichen Produktionsmitteln in Ost und West. Wirtschaftsdeutschland wurde heterogener – die Antwort aber war der Versuch zu homogenisieren. Das Geld? Eins zu eins umgetauscht. Der Sozialstaat? Sollte auf dem alten Niveau nun für alle gelten. Die Löhne? Schnellstens angleichen – egal, wie unterschiedlich die Produktivität auch sei. Die schlechte Wirtschaftspolitik von damals fordert noch heute ihren Preis in Form von Staatsschulden und Wachstumsschwäche.

Hinzu kam: Computernetze und verwandte Innovationen verändern gemeinsam mit der globalen Öffnung wirtschaftlicher Grenzen die Marktlage. Einfache Arbeit, die Unternehmen überall auf dem Globus beziehen können, verlor an Wert; Stars, die sich weltweit vermarkten lassen, wurden dagegen teurer. Insgesamt franste die Verteilung aus. Und was geschah in Deutschland? Gewerkschaften hielten und halten am Tarifgerüst fest, die Regierungen Kohl und Schröder öffneten den Arbeitsmarkt nicht einen Deut. Erst jetzt kommt die überfällige Reaktion in Gang. Vielleicht.

Die Demografie ist da noch gar nicht eingerechnet. Sie wird, durch Kinderschwund und Medizintechnik gleichermaßen, die Knappheitsverhältnisse nachhaltig verschieben. Statt darauf zu reagieren und die Lebensarbeitszeit zu verlängern, haben Politik und Wirtschaft durch Frühverrentung und die Mode, Belegschaften zu verjüngen, erst einmal das Gegenteil unternommen.

Das deutsche Problem mag viele Namen haben. Neoliberalismus gehört nicht dazu, eher schon ökonomische Ignoranz. Tatsächlich verteidigen die Kämpfer gegen das Neoliberale keine Geisteshaltung, sondern ein überkommenes Verteilungsergebnis. Dabei steht ihnen die Ökonomie im Weg.

Auch wenn sich diese Streiter für die Jedi-Ritter halten mögen, so kämpfen sich doch aufseiten der dunklen Macht. Und das Imperium schlägt sich – wie immer – selbst.

Gierige Manager,

eine Börsenorientierung, die nur bis zum Ende des Quartals reicht, fehlgeleitete Liberalisierung – Exzesse im Namen der Freiheit treten auf. Sie sind aber kein Grund, ökonomische Logik abzulehnen