Weihnachten und Gehirnforschung verhalten sich auf den ersten Blick so zueinander wie Sauerkraut und Vanillesoße. Unvorstellbar, dass es eine weihnachtliche Neurobiologie oder eine Neurobiologie zum Weihnachtsfest geben kann. Schließlich handelt es sich im einen Fall um eine Sache der Kultur und des Glaubens, im anderen um eine Naturwissenschaft. Ich möchte zeigen, dass diese Ansicht falsch ist. Vielmehr trifft genau ihr Gegenteil zu: Man versteht Weihnachten nur dann wirklich, wenn man auch das Gehirn versteht.

Wissenschaft geht grundsätzlich systematisch vor. Daher seien zunächst die wesentlichen Charakteristika des Weihnachtsfests aufgeführt: Wir feiern (1) am 24. 12. (2) das Fest der Liebe (3) dabei singen wir Lieder (4), essen Stollen (5), beschenken uns (6) und denken vielleicht sogar an Gemeinsamkeit und Solidarität (7). Die genannten sieben Gesichtspunkte sind der Wissenschaft durchaus zugänglich. Gerade aus der Sicht der Gehirnforschung können sie mit nicht unbeträchtlichem Erkenntnisgewinn betrachtet werden.

1. Feiern Warum feiern Menschen eigentlich? Wer feiert, verschwendet Zeit und Ressourcen und setzt sich Feinden aus. Jede Mutation, die im Verlauf der Menschheitsgeschichte dazu beigetragen hat, uns für Feste zu begeistern, hätte also sofort wieder verschwinden müssen der Kampf ums Dasein ist schließlich viel zu ernst zum Feiern. Wie konnten Menschen, die gern feiern, überhaupt (aus Vormenschen, die nicht feiern) entstehen?

Das Feiern von Festen ist die Aktivität einer in Gruppen lebenden Art, wie es der Mensch in den letzten Jahrhunderttausenden war. In diese Zeit fällt auch die Entwicklung des menschlichen Gehirns, wie wir es heute in unseren Köpfen herumtragen und dank der Gehirnforschung immer besser kennen lernen.

So wissen wir, dass etwa 2,5 Millionen Nervenfasern zum Gehirn ziehen und dass etwa 1,5 Millionen Fasern das Gehirn verlassen. In jeder Sekunde kann jede Faser bis zu 300 Impulse an das Gehirn liefern. Und auch wenn gerade kein Impuls kommt, ist dem Gehirn damit etwas mitgeteilt (zum Beispiel Dunkelheit oder Stille). Da diese Impulse als Einsen und deren Abwesenheit als Nullen aufgefasst werden können, ergibt sich der Input des Gehirns mit 2 500 000 x 300 Bits pro Sekunde, was knapp 100 Megabyte (MB) entspricht. Die Aufgabe des Gehirns besteht darin, diesen Strom von Information (der jetzt gerade in Ihr Gehirn als Input hineingeht) in einen Strom von etwa 60 MB pro Sekunde umzusetzen, der Ihr Gehirn verlässt und an Muskeln und Drüsen, den wesentlichen Effektororganen, sinnvolles Verhalten bewirkt. Dies geht fast in real time. Denn wenn der Löwe von links kommt, müssen wir so rasch wie möglich nach rechts laufen. Sonst wären wir Futter. Und wir stammen alle von denjenigen Urgroßeltern ab, die dieses Kunststück der Informationsverarbeitung am schnellsten vollbracht haben.

Seit einigen Jahren ist bekannt, dass das Gehirn über ganz spezielle Systeme verfügt, die ihm ein solches rasches Reagieren ermöglichen. Reize, die Gefahr ankündigen, werden rasch in die Mandelkerne des Gehirns geleitet und dort erkannt. Dies bewirkt dann Angst und Furcht sowie alle damit verknüpften sinnvollen Reaktionen wie Puls- und Blutdruckanstieg und vermehrte Muskelspannung.

Das Gegenstück hierzu ist das interne Belohnungssystem, das auf äußere Reize immer dann anspricht, wenn sie sich positiv vom übrigen Gewühl der Sinneseindrücke abheben. Dieses System ist wichtig, weil es uns mit dem versorgt, was wir brauchen, um mit den vielen eingehenden Signalen fertig zu werden: Bewertung und Bedeutung. Seit gut einem Jahr wissen wir, dass dieses System bei Reizen anspricht, die entweder selbst eine Belohnung darstellen oder aber eine spätere Belohnung signalisieren. Neuronen tief im Inneren des Gehirns schütten den Botenstoff Dopamin aus, entweder direkt ins Frontalhirn (das dann besser funktioniert) oder in den Nucleus accumbens, der das Dopamin-Signal in ein Opioid-Signal umwandelt, das dann ebenfalls ins Frontalhirn gelangt. Das gehirneigene Opium (man spricht von endogenen Opioiden) macht dann dort ein angenehmes Gefühl.