studierte Afrikanistik und war ein radikaler Friedensaktivist, bevor er sich für die "andere Seite" zu interessieren begann. Seine Studien der Atomforscher brachten dem heute 43-jährigen gebürtigen Engländer schließlich eine Professur für Anthropologie am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA, ein

Anthropologen studieren gewöhnlich fremde Völker in fernen Kontinenten.

Sie mischen sich unter "primitive" Stämme, beobachten Initiationsrituale und beschreiben die magische Gedankenwelt der "Anderen".

Der Anthropologe Hugh Gusterson hat seinen exotischen Stamm eine Autostunde von San Francisco entfernt gefunden. Nicht in einem Indianerreservat, sondern in einem der exklusivsten wissenschaftlichen Labors der Welt. Gusterson beschreibt die Rituale der Atomwaffenentwickler im Lawrence Livermore Lab. In den vergangenen 15 Jahren hat er sich einem Stamm angenähert, der ihm zuvor ferner lag als die Kopfjäger in Papua-Neuguinea.

Dem 43-jährigen MIT-Professor mit dem sauber geschnittenen Bart und dem schlichten grauen Anzug sieht man heute nicht mehr an, dass er einmal ein radikaler Friedensaktivist war. 1980 hatte es den jungen englischen Afrikanisten von Cambridge nach San Francisco gezogen, in die Stadt der übrig gebliebenen Hippies und der Alternativkultur. Wie in Europa, so blühte auch in Kalifornien die Friedensbewegung. Gusterson war keiner, der oben auf den Barrikaden stand und radikale Reden schwang. Er gehörte zu jenen, die wirklich Angst hatten, dass der dritte Weltkrieg unmittelbar bevorstand. Der Forscher ließ die Wissenschaft Wissenschaft sein und arbeitete hauptamtlich für die Freeze-Kampagne, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, insbesondere die Atomwaffentests zu stoppen.

In dieser Funktion nahm Gusterson an einer Podiumsdiskussion teil - eine Debatte, die sein Leben und seine wissenschaftliche Karriere verändern sollte. In einer Highschool stritt er sich mit dem Waffenforscher Tom Ramos vom Lawrence Livermore Lab - ein Heimspiel. Die Rollen waren klar verteilt: hier der böse Waffenforscher, dort der gute Friedensfreund, und entsprechend verlief die Diskussion. Der Gegner hatte keine Chance, die jungen Leute johlten und verhöhnten den Physiker. Aber Gusterson stellte zwei Dinge fest, die sein bisher so klares Weltbild ankratzten: Erstens war ihm der andere sympathisch. Und zweitens musste er feststellen: "Der Mann, mit dem ich diskutierte, glaubte leidenschaftlich, dass seine Arbeit überhaupt nicht gefährlich, sondern wichtig und achtbar war."

Dieser Tag war der Anfang vom Ende der Politkarriere von Hugh Gusterson. Er wollte plötzlich diese fremden Leute verstehen, eben so, wie er früher die Völker Afrikas zu verstehen versucht hatte. Was ging in ihnen vor, wie rechtfertigten sie ihre Arbeit an den grausigsten Waffen der Menschheitsgeschichte? Gusterson bekam für sein Dissertationsprojekt ein Stipendium der Mellon Foundation.