Wo gibt es das noch? Eine Insel der Seligen im Ozean des Missvergnügens.

Keiner meckert, keiner jammert, keiner stöhnt. Mitten im krisengeschüttelten Berlin ein Laden, der läuft. Strahlende Gesichter, Spaß bei der Sache, voller Einsatz. Da arbeitet, in aller Öffentlichkeit, ein effizientes Team junger Menschen, hoch begabt, genial, mit nicht minder effizienten und engagierten Oldies auf engstem Raum zusammen, in einem Großraum ohne Schreibtische und Computer, topfit, solidarisch, ein Muster an Synergie.

Das gibt es also in Deutschlands Hauptstadt: Spitzenkräfte, die aufeinander hören und die jeden Tag Tausende mit ihrer Begeisterung anstecken. Ein Weihnachtsmärchen. Ein fantastischer Krimi, dessen letztes Kapitel mit einer Erpressung begann. Ein störrischer Lockenkopf weigerte sich, seinen Vertrag zu unterschreiben, solange diese europäische Hauptstadt ein Orchester als Behörde führte.

Sir Simon wollte klare Verhältnisse in Berlin. Er wartete monatelang, bis er seinen Willen bekam. Nun sind die Berliner Philharmoniker eine Stiftung, und Simon Rattle, 47, ist ihr Chefdirigent. Nun sind sie glücklich. Aus Musikern im Staatsdienst wurden Angestellte einer Organisation, die sich nur der Kunst verschrieben hat und der es an Geld nicht mangelt. Denn neben Zuwendungen der Stadt, die, dank beherzten Zugriffs auf städtische Lottoeinnahmen, für Jahre garantiert sind, fließt eine Millionenspende der Deutschen Bank. Immerhin: Die Hälfte des 27-Millionen-Euro-Etats spielt das Orchester selbst ein.

Geld ist kein Thema im Künstlerfoyer hinter dem Podium. Eine erstaunliche, fast unwirkliche Euphorie hat das Orchester erfasst, ein Schwebezustand, wie er im richtigen Leben nur nach einer bewegenden Liebesnacht denkbar ist. Die Musiker reden vom Honeymoon, vom Honeymoon mit Simon. Auftakt einer Romanze in strahlendem Dur. Der Schleier weht noch in den Fluren.

Simon nimmt auf, was vom Orchester kommt. Simon ist entschlussfreudig. Bei Simon ist alles klar. Simon sagt wunderbare Sachen. Simon ist witzig, immer charmant, aber in der Sache unglaublich ernst. Simon hat unsere Bereitschaft, etwas Neues zu machen, hervorragend abgerufen. Wie er Turnages Blood on the floor dirigiert hat: Genial. Sein Haydn: Toll, voller Humor, eine Entdeckung.

Und dieser Bruckner!