Der Krieg rückt näher. Weil George W. Bush es so will? Der Mann, der noch immer mit dem Feuer spielt, heißt Saddam Hussein. Ein besonnener Mensch wie UN-Chefinspektor Hans Blix drückt es so aus: Die berühmten 12 000 Seiten enthalten zwar "einige Informationen", aber "nicht viele über Waffen". Sein dürres Fazit: "Wir können nicht darauf vertrauen, dass keine Massenvernichtungswaffen übrig geblieben sind."

Genauer gefragt: Wo sind die 360 Tonnen Kampfgas, denen die UN-Kontrolleure 1998 nachspürten, als sie aus dem Irak geworfen wurden? 3000 Tonnen Ausgangsstoffe für Nervengas? 30 000 Träger für B- und C-Ladungen? Vom Atomaren ganz zu schweigen. Folglich ein zweites Fazit: Der Despot von Bagdad spielt weiter sein altes Spiel - und auf Zeit. Nur der Stil ist subtiler geworden. Anders als vor 1998 behindert er die Inspektoren nicht (eine Kernforderung der einstimmigen Resolution 1441), aber an der zweiten Bedingung - vollständige Offenlegung - mogelt er sich vorbei.

Das heißt, dass der Mann im Bunker seine Lage sträflich verkennt. Die Amerikaner bezichtigten ihn alsgleich des material breach, des "groben Verstoßes" gegen die Resolution, das war zu erwarten. Aufschrecken aber sollten ihn die Franzosen, die großen Bremser, die inoffiziell von "Täuschung" reden, weil das Eingeständnis "weder genau noch vollständig, noch umfassend" sei. In Paris wird jetzt gezielt gestreut, eine zweite, eine Kriegsresolution, sei nicht mehr nötig. Mithin könnte auch Frankreich sich gezwungen sehen teilzunehmen.

Gibt es noch eine gute Nachricht für Saddam? Ja, seine Uhr läuft erst Ende Januar ab, wenn Hans Blix dem Sicherheitsrat abschließend berichtet. Zweitens halten sich die Amerikaner an Geist und Buchstaben der Resolution, derweil sie ihren Aufmarsch vollenden. Jenseits ihrer verschärften Rhetorik blitzt nämlich der entscheidende Wegweiser auf: Saddams 12 000-Seiten-Sünde werde nicht alleiniger Auslöser des Krieges sein.

Drittes Fazit: Nur Saddam kann ihn verhindern, und sein Prozess der Einsichtsfindung wird - und muss - beschleunigt werden, indem die Europäer und Araber ihm dabei helfen - nachdrücklich! Hier lag der entscheidende Fehler des Schröderschen "Abenteuer"-Wahlkampfes. Es gibt gute Gründe für Deutschland, den direkten Kriegseinsatz zu verweigern, aber keinen, jedenfalls keinen verantwortungsbewussten, den amerikanischen Verbündeten leichtfertig zu brüskieren. Wiewohl ungewollt, rutschte Berlin dergestalt auf die falsche Seite. "Falsch" nicht einmal im moralischen, sondern im höchst praktischen Sinne: Wie die warmen Worte aus Bagdad bezeugten, war man dort hocherfreut über den hübschen Riss, der sich plötzlich in der westlichen Druckkulisse auftat.

Wer den Krieg verhindern will, hat jetzt noch fünf Wochen Zeit dazu - und die Deutschen deren vier, wenn sie am 1. Januar Mitglied im Sicherheitsrat werden. Die Devise? Druck, Druck und noch mal Druck, damit der Diktator endlich versteht, dass die Schlupflöcher zu sind. Und die Amerikaner? Noch machen sie es richtig: Militäraufmarsch hier, diplomatische Kärrnerarbeit dort. Dieser zweigleisige Weg ist umso besser, als er zu allen drei Phasen passt: vor, in und nach dem Krieg.

Vorher: Je heftiger und umfassender der Druck, desto unwahrscheinlicher der Waffengang. Im Krieg: Je mehr Staaten die USA und England davon überzeugen können, dass sie alle friedlichen Mittel ausgeschöpft haben, desto legitimer würde er sein. Gekämpft werden muss im Namen der Weltgemeinschaft, nicht im Dienst neoimperialer Muskelspiele. Danach: Wenig wäre gewonnen, wenn der Zerstörung nicht der Aufbau folgte. Gerade hier braucht Amerika die maximale Mithilfe aller Staaten. Ex und hopp ist kein Rezept für den Frieden. In einem Satz: Das Übel, das jeder Krieg erzeugt, darf nicht größer sein als das Übel, das er beseitigt.