Pater Anselm Bilgri ist so etwas wie eine Mischung aus Wolfgang Clement und Hans Eichel. Mit dem Unterschied, dass sein Amtssitz nicht in Berlin liegt, sondern im tiefsten Oberbayern, und dass sein Titel nicht Wirtschafts- und Finanzminister ist, sondern Cellerar. Aber das ist in der klösterlichen Hierarchie so ziemlich dasselbe.

Das Kloster Andechs, bekannt für seine schöne Lage im Voralpenland und sein Doppelbock-Bier, kann den wohl rührigsten Kloster-Ökonomen der Republik vorweisen: Pater Anselm, Cellerar und Manager. "Wenn Sie wollen, bin ich ein Unternehmertyp, ganz egal, was ich anpacke", sagt er und streicht sich mit der Hand über seinen widerspenstigen, schwarzen Benediktiner-Habit.

Sein Geschäftsmodell: Bier. Doch Anfang der Neunziger stagnierte der Absatz - auch in Andechs. Die klösterliche Gerstensaft galt allenfalls als regionale Spezialität. "Dem mussten wir gegensteuern. Um überleben zu können, mussten wir nach Alternativen suchen", sagt Pater Anselm im besten Unternehmerdeutsch. Mittlerweile sei der Imagewechsel zu einer "gelungenen Symbiose von Kirche, Wirtshaus und Kultur" geschafft, und seit das Bier überregional verkauft werde, steige auch der Absatz wieder.

Der gute Name wird verkauft

Rund um die Brauerei ist eine Firmengruppe mit neun geistlichen und 200 weltlichen Mitarbeitern entstanden. Zu dem kleinen Konzern gehören der Klostergasthof, das Bräustüberl und ein Klosterladen. Eine Kultur GmbH organisiert Tagungen sowie das jährliche Festival Orff in Andechs und vergibt Lizenzen für allerlei ortstypische Lebensmittel, die gegen Bezahlung den Namen des berühmten Klosters tragen dürfen. Dazu gehört etwa der süße Andechser Senf der Firma Develey mit Senfkörnern aus dem Klostergarten. "Wo Andechs draufsteht, muss natürlich auch Andechs drin sein", sagt Pater Anselm. Die Landwirtschaft hat er auf biologischen Betrieb umgestellt, sie beliefert nun unter anderem eine Münchner Großbäckerei mit Biogetreide.

Jüngstes "Baby" des Paters ist die Gastronomie AG. Die Firma betreibt nach einem Franchise-System die Restaurantkette Der Andechser und ist deutschlandweit auf Expansionskurs. Und dem Geistlichen gehen die Geschäftsideen nicht aus: Bald soll am Fuße des Klosterberges ein modernes Hotel gebaut werden.

"Ora et labora!" Die alte benediktinische Lebensweisheit, dass neben der geistigen Tätigkeit gleichberechtigt die Handarbeit stehen sollte, erweist sich auch für das 21. Jahrhundert als tragfähige Geschäftsgrundlage. Sie steht für einen wirtschaftlichen Aufbruch vieler Klöster in Deutschland, Europa und Übersee. Ordensleute öffnen sich modernen Unternehmens- und Marketingstrategien, entdecken den Markt. Dabei können sie an eine jahrtausendealte spirituelle und ökonomische Tradition anknüpfen. Klöster spielten im Mittelalter eine Schlüsselrolle bei der wirtschaftlichen Urbarmachung Europas. "Gebt den Mönchen ein ödes Moor oder einen wilden Wald, lasst ein paar Jahre vergehen, und ihr werdet nicht nur schöne Kirchen, sondern auch menschliche Siedlungen dort errichtet sehen", schrieb Theodor Fontane voller Bewunderung für die vom Glauben beflügelte wirtschaftliche Kraft der Klöster.