So kalt ist also Ewigkeit. Wir ziehen am langen Hebel, öffnen die Tür, zwängen uns vorbei am Plastikvorhang und stehen in der Eiskammer. Vor uns Kunst, tiefgefroren bei 24 Minusgraden. Das Schlagzeug, die Gitarre, ein paar Bierflaschen, selbst der Aschenbecher, sind weiß überkrustet, an der Disco-Kugel wachsen Eiszapfen. Vor ein paar Tagen, so erzählt man uns, habe hier die Luft gebrannt. Eine Punkband spielte auf, deftig und dampfend, über 20 Mann drängten sich in den Container. Als spät in der Nacht der letzte Ton verklungen, die letzte Zigarette geraucht war, schmiss Christoph Büchel die Kühlanlage an, sprühte Wasserdampf in das kleine Kabinett, und da wuchsen den Partyresten die schönsten Eishäute. Die heiße Stimmung gefror zu kalter Oberfläche.

Vielleicht hat es das punkige Kammerkonzert nie gegeben, vielleicht hat sich der Künstler die Geschichte nur ausgedacht. Dem Besucher ist's gleich. Ihn lockt die Erfahrung, in dieses Kunstwerk kann er einsteigen, es zehrt an ihm, bläst ihm frostig ins Gesicht, droht mit Kälteschock. Und es will gefüllt werden mit Einbildung, mit einer Vorstellung von der Vorstellung. Irgendwann hören wir ins uns das Dröhnen der Musik, eine klebrige Hitze fällt uns an, wir stehen im Dunst. Und spüren etwas von der Sehnsucht, die in dieser Tiefkühltruhe steckt: jener Sehnsucht, die Kunst für das pralle Leben zu öffnen, ihr das Unwiederholbare einzuhauchen, sie ganz gegenwärtig zu machen.

Nicht nur Büchel, auch viele andere Künstler, die gegenwärtig im Hannoveraner Kunstverein zu sehen sind, werden von dieser Hoffnung umgetrieben. Und geplagt von der Einsicht, dass die Kunst immer nur etwas Vergangenenes sein kann, zum Bild geronnen, nichts als gefrorene Erfahrung.

Dies vergebliche Wollen ist das Leitthema dieser Schau mit dem modischen Titel On Stage. Sie erzählt davon, dass die Kunst sich nicht mehr in sich selbst verkriecht, dass die Starre der Konzeptionisten und Minimaliker aufbricht, und zahlreichen Künstlern wieder nach Auftritt und Austausch zumute ist. Gleich mehrere Kunstausstellungen entdeckten in diesem Jahr das Theatralische und Erzählende, in München ebenso wie in Köln oder München.

Nicht dass die Künstler es dem Theater gleichmachen wollten, doch sehen sie die Bühne als idealen Ort. Dort zählt der Moment, es gilt des Lebens Gegenwart, übrigens zum Leidwesen vieler Schauspieler, die davon träumen, den Augenblick anhalten zu können wie die Künstler. Diese indes bauen eifrig an ihren Guckkästen, verwandeln die Ausstellung zur Aufführung. Vor allem Videokabinen erfreuen sich ungemeiner Beliebtheit, dort wird der Besucher eingefangen von der neuen Lust am Bild, eingewickelt von lauter Erzählfäden.

Der Künstler ist kein Objekteschöpfer mehr, er ist Geschichtenerzähler, Bühnenbildner, Statist seiner selbst.

Rodney Graham tritt auf als Dandy mit Streifenhosen und roten Schuhen, George Bures Miller gibt den Lagerfeuer-Cowboy, und auf großen Fotos tapst Ross Sinclair halb nackt mit seiner Tochter durch Maler-Ateliers und dunkle Hallen, auf der Suche offenbar nach Real Life. Zumindest hat er sich "Wahres Leben" in großen Lettern auf den Rücken tätowieren lassen. Gezeigt werden die Fotos des Streifzugs in einer Kulisse aus Pappkartons, einer Erinnerungsburg, die Sinclair anfüllt mit süßlicher Musik, zerborstenen Gitarren und einem Schulklassen-Abc. Die bilderreiche Wärmestube, das Pendant zu Büchels Kühlkammer, will uns hineinsummen in eine ferne Kindheit, sie hält alles bereit für den Auftritt der Erinnerungen - der Besucher aber entflieht den überladenen Räumen. Das ist ja das Wunderbare an einer Ausstellung: Anders als im Theater kann man den schweren Stimmungsmachern leicht entkommen.