Als Tony Ryan ein kleiner Junge war, freute er sich an Weihnachten vor allem auf zwei Dinge: auf die Geschenke - und die wissenschaftlichen Weihnachtsvorlesungen der BBC. Nach Heiligabend wird seit 1966 im Fernsehen an fünf Tagen hintereinander jeweils eine volle Stunde Wissenschaft ausgestrahlt, aufgenommen im holzgetäfelten Hörsaal der Royal Institution in London. Jedes Jahr zelebriert dort ein Professor vor Kindern im Grundschulalter die hohe Kunst des staunenswerten Experiments - und seiner anschaulichen Erklärung.

Inspiriert von BBC und Chemiebaukasten, studierte Tony Ryan Chemie und wurde selbst Professor an der University of Sheffield. Nun schließt sich der Kreis: In diesem Jahr wurde Ryan unter 400 Hochschullehrern auserwählt, die Weihnachtsvorlesungen zu halten. "30 Jahre waren die Christmas Lectures Teil meines Weihnachtsfests", sagt der stämmige Chemiker. "Jetzt geht ein Traum für mich in Erfüllung." Vom 25. bis 30. Dezember will er seinen Zuschauern erklären, was Spinnennetze und Hängebrücken gemein haben, warum Eiscreme Leben retten kann und was Turnschuhe und Jumbojets verbindet.

So begehrt wie der Nobelpreis

"Die Herausforderung ist gewaltig", weiß Tony Ryan. Denn im Parkett des Hörsaals werden ausschließlich Kinder sitzen, die Eltern sind auf den ersten Rang verbannt. Ryans Erklärungen dürfen also nicht zu kompliziert sein, allzu simpel aber auch wieder nicht - schließlich werden seine Auftritte ins ganze Land ausgestrahlt. Im vergangenen Jahr schalteten rund 700 000 Zuschauer das weihnachtliche Lernprogramm ein. Die Weihe zum akademischen Weihnachtsmann kommt daher für englische Professoren gleich nach dem Nobelpreis.

"Die Vorbereitung ist ein Full-Time-Job", sagt der Chemieprofessor. "Seit drei Monaten habe ich keinen Forschungsantrag und keine Veröffentlichung mehr geschrieben." Auch in Deutschland proben seit einigen Jahren die Wissenschaftler die Popularisierung ihrer Disziplinen (siehe Kasten), doch so weit wie Ryan würden hierzulande nur wenige gehen. So lässt sich am Beispiel der Christmas Lectures auch studieren, wie weit uns Großbritannien in der Kunst voraus ist, Wissenschaft gekonnt unters Volk zu bringen.

Während unter deutschen Akademikern "Popularisierung" oft noch immer als Schimpfwort gilt, hat damit in England niemand ein Problem. Im Gegenteil: Ryan wird von seinen Kollegen an der Universität Sheffield auf der Website des Chemie-Departments groß gefeiert. Schon einmal, 1992, durfte ein Dozent der Fakultät die Weihnachtsvorlesung der Royal Institution halten.

Sein Name dient heute als Aushängeschild im Wettbewerb um neue Studenten.