Ihr Tag beginnt in der Nacht. 4.30 Uhr läuten die Glocken. Die Kirche liegt dunkel und kalt in Nebelschwaden. Nur im Altarraum scheint schwach ein Licht. Ordensschwestern huschen auf ihre Plätze im Chorgestühl, nehmen ihre Psalmbücher aus den Fächern und beginnen mit dem Morgengebet. Der Chorgesang der Nonnen verschwimmt zur sanften, immer wiederkehrenden Melodie. Die einzelnen Wörter scheinen sich aufzulösen, ein gleichförmiger Klangteppich breitet sich aus. Nur zweimal unterliegt Schwester Johanna einem Gähnen, aber sie verschluckt es geschickt mit der nächsten Silbe. Ein wenig fällt sie auf in der Reihe der 20 Ordensfrauen, nicht nur weil sie größer, kräftiger und jünger ist als die anderen, sondern auch, weil ihr Schleier weiß ist und nicht schwarz. An der Farbe lässt sich erkennen, wer sich Gott schon für die Ewigkeit hingegeben hat. Schwester Johanna trägt Weiß, was so viel heißt, wie verlobt zu sein mit Christus, aber noch nicht endgültig ja gesagt zu haben.

Nach einigen Monaten als Kandidatin und einem Jahr als Novizin hat Schwester Johanna im Mai ihr kleines Gelübde abgelegt, ihre erste Profess, wie sich das in der Ordenssprache der Zisterzienserinnen nennt. Nun hat sie noch mindestens drei, maximal neun Jahre Zeit, um die ewigen Gelübde zu sprechen.

Auch wenn sie schon heute in Armut, Keuschheit und Gehorsam lebt - der Notausgang zurück in ihr erstes Leben steht noch immer offen.

Schwester Johanna ist 31 Jahre alt. Mit 29 kam sie ins Kloster St.

Marienstern, am Rande des kleinen sorbischen Dorfes Panschwitz-Kuckau, gut eine Stunde von Dresden entfernt. In der Abtei leben seit über 750 Jahren ohne Unterbrechung Zisterzienserinnen. In vollkommener Abgeschiedenheit haben sie alles überstanden, was über die Region hinwegzog: die Hussitenkriege, den Dreißigjährigen Krieg, das "Dritte Reich", die DDR und die Wendezeit. Zu jeder Zeit haben die Zisterzienserinnen bisher genügend Nachwuchs gefunden.

Vor zweieinhalb Jahren kam Schwester Johanna, aber seitdem niemand mehr. Fast 70 Prozent der über 30 000 deutschen Ordensfrauen sind über 65 Jahre alt. 130 Novizinnen haben die deutschen Frauenklöster Anfang 2002 gezählt. Es werden jährlich weniger, und niemand kann sagen, wie viele wirklich bleiben. Die männlichen Orden scheinen vom langsamen Aussterben der klassischen Glaubensgemeinschaften noch mehr bedroht. In ganz Deutschland gibt es nur noch 5074 Ordensbrüder, 73 Novizen durchlaufen gerade die Ausbildung.

Was treibt einen jungen Menschen, diesen Weg dennoch zu gehen, der so abseits von Alltagstrends, Erfahrungen und Idealen liegt - ist es Lebensangst?