Karatschi

In Karatschi ist alles in Ordnung. Natürlich, es gibt die Bomben. Eine tötete elf französische Ingenieure, eine zerstörte die Zufahrt zum US-Konsulat und riss 13 Pakistani in den Tod, eine tötete im Hafen vier Menschen, eine weitere ist erst dieser Tage gerade noch rechtzeitig gefunden worden. Der amerikanische Journalist Daniel Pearl wurde grausam ermordet. Aber sonst ist es ruhig. Das sagen die Bewohner Karatschis. Terrorhöhle? Eine Erfindung westlicher Medien. Hauptstadt der Gewalt? Es gibt Probleme, aber wer hat die nicht? Al-Qaida-Nest? Nein, nein.

Alles also, was man Schlechtes über die Stadt gehört hat, trifft angeblich nicht zu - oder zumindest nicht ganz. Wer mit Gewissheiten hierher kommt, der muss sich belehren lassen. Grobe Vorurteile, nichts weiter. So wird eine Reise nach Karatschi schnell zu einem Verwirrspiel, zu einem Gang am Abgrund.

Daher ist es ratsam, sich am Unleugbaren festzuhalten: den Bomben. Sie sind explodiert. Sie haben getötet. Kein Zweifel. Darüber hinaus aber steht alles schon wieder infrage. Selbstmordattentäter sollen es gewesen sein?! "Nein! Es waren keine Selbstmordattentäter!", sagt Ikram ul-Majeed Seegal. Der Mann ist Herr über eine Firma mit mehr als 12 000 Sicherheitsleuten. Seegal wirft sich mit Verve in eine detailreiche Erklärung über die Sprengkraft der Bomben, über die Platzierung des Autos vor dem US-Konsulat, über die Lage der Splitter. "Sehen Sie, es können keine Selbstmordattentäter gewesen sein!" Das Gegenteil lässt sich kaum beweisen. Das ist auch nicht wichtig. Entscheidend ist, dass eine Grundannahme ins Wanken kommt

nämlich dass der Terror sich in Pakistan radikalisiere, dass al-Qaida nach der Vertreibung aus Afghanistan in Karatschi Fuß gefasst hätte.

"Wir fühlen uns verfolgt!"

Alles ist in Karatschi angeblich anders, als wir denken. Nehmen wir zum Beispiel eine Madrassa, eine der religiösen Schulen, aus denen viele Taliban hervorgegangen sind. Darul-'Uloom heißt die größte von ihnen. Die Mauer der Madrassa zieht sich viele hundert Meter an einer dieser Straßen Karatschis entlang, die einem das Gefühl geben, man sei in der Wüste und die Menschen, die Häuser, die Eselskarren, der Müll und der Schutt seien nichts als eine fragile Dekoration - bei der ein heftiger Windstoß genügt, und alles würde verschwinden. Hinter der Mauer ein Garten, das Schulhaus, Schlafsäle und eine Moschee, die gerade im Bau ist. 15 000 Gläubige wird sie fassen. Der Begleiter stellt den Lehrer für Chemie vor, jenen für Biologie und den für Informatik, der über rund ein Dutzend Computer verfügt. Alles da, und nicht nur für den Dienst an Gott. Hier also sollen die Taliban vorbereitet worden sein für den Heiligen Krieg. "Den Schülern ist es verboten, sich politisch zu betätigen", sagt der Begleiter knapp und führt einen hinein zu Mufti Rafi Usmani.