Frohlocket! Ein Dauerfest der Liebe naht. Ganzjährig. Voller Vorfreude verriet Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn, dass sie gern und viel küsst - pünktlich zum "Jahr der Chemie 2003", das uns bis ins letzte Molekül aufklären wird über die Chemie des Liebens. Ab Januar werde die Ausstellung Der Kuss sogar erklären, warum Küssen schlank macht, verhieß die Ministerin der Presse und brachte sich dezent ein: "Jetzt wissen Sie, warum ich so schlank bin."

So soll das Chemiejahr mehr Aufmerksamkeit bekommen als die vergangenen drei Wissenschaftsjahre der Physik, der Bio- und der Geowissenschaften (siehe dazu auch Seite 29). Drei Ausstellungen werden für die Chemie werben: Auf den Kuss folgen Der Stoff (Chemie der Materie) und Die Quelle (Chemie und Energie).

Nach dem Auftakt in Berlin touren sie als Wanderaustellungen durchs Land. Ein Chemieschiff wird zahlreiche Häfen anlaufen, ein Chemielaster mehr als 60 Städte besuchen und unter anderem die Raver auf der Love Parade in Berlin beglücken. Experimente sollen Neugier wecken, jeder darf im Labor Hand anlegen. Wird Chemie zum Breitensport?

Hierfür müssten die Veranstaltungen allerdings mehr bieten als der platte Auftritt im Internet (www.jahr-der-chemie.de). Aus einem knallrot blinkenden Kussmund quillt dort die Jahresfrage: "Kann denn Liebe chemisch sein?" Dann herrscht Schweigen. Dabei wüssten Millionen Menschen allzu gern, was verliebt macht - zum Beispiel die Hersteller von Aphrodisiaka, die notorisch Unwirksames verhökern. Wie viel müsste da erst ein echtes Liebesmittel einbringen? Zum Vorbeugen von Scheidungen einmal täglich einzunehmen, lebenslänglich. Ein Verkaufsschlager!

Doch keine Spur von Liebeschemie auf der Homepage. Lapidar heißt es dort, bei Liebe sei "neben vielen Faktoren auch die Chemie" im Spiel. Aha! "Überhaupt ist unser Körper ein hoch komplexes chemisches Labor. Und Chemie ist noch viel mehr, sie ist Wissenschaft und Industriezweig, allein in Deutschland arbeiten eine halbe Million Menschen in der chemischen Industrie."

Sapperlot, wie eng doch Liebe, Wissenschaft, Industrie und Arbeitsplatz zusammenhängen! Alles Chemie. Und was so Wichtiges so eng verbindet - das kann nicht Sünde sein. Das muss man einfach lieben, ganz ohne Aufklärung.