Mit der Umwandlung in eine Stiftung haben die Berliner Philharmoniker einen Coup gelandet. Sie lösen sich aus staatlicher Bevormundung, ohne staatliche Unterstützung zu verlieren. Subventionen in Millionenhöhe sind für fünf Jahre garantiert. Somit ist auch das merkwürdige Doppelleben der Philharmoniker beendet. Als Berliner Philharmonisches Orchester im Status einer nachgeordneten Behörde war das Orchester (nicht der Chefdirigent) von jeher dem Kultursenator unterstellt. Zugleich bestand eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, die vor allem für die Schallplattenproduktion zuständig war – in der Ära Karajan ein einträglicher Nebenverdienst, an dem die Stadt Berlin keinen Anteil hatte.

Mit dem Fall der Mauer fand die Berlin-Förderung dann ein Ende. Die Schallplattenproduktionen gingen zurück, das Einkommen der Musiker schrumpfte, wichtige Solisten wanderten auf lukrativere Posten ab, meist lockte eine Professur. Der Versuch des damaligen Kulturstaatsministers Michael Naumann im Jahr 2000, das Top-Orchester als einen der kulturellen Leuchttürme der Republik mit Bundesmitteln auszustatten, scheiterte am Größenwahn Berlins und seines Abgeordnetenhauses, das sich "sein" Orchester nicht wegnehmen lassen wollte, obwohl es eigentlich kein Geld mehr dafür hatte. Mit seinem Junktim "Unterschrift gegen Stiftung" zwang Sir Simon Rattle die Stadt Berlin Anfang des Jahres, das Orchester freizugeben. Der Stiftungsvertrag löst das Orchester aus der kameralistischen Etatplanung, in der über jeden Bleistift Rechenschaft abgelegt werden musste. Zugleich brachte Rattle die Philharmoniker dazu, die einst so lukrative Gesellschaft bürgerlichen Rechts aufzulösen. Der Brite wollte klare Verhältnisse und alles unter einem Dach vereinen. Die Musiker sind diesem Vorschlag ohne Wenn und Aber gefolgt.

Nun ist die Deutsche Bank mit einem Millioneneinsatz für drei Jahre Hauptsponsor des Orchesters und fördert zum Beispiel das Education-Projekt Zukunft@BPhil.de, das Kinder und Jugendliche an die E-Musik heranführen soll. Als Dienstleistungsgesellschaft für musikpädagogische Basisarbeit, Kommunikation und Marketing wurde eine Philharmonie GmbH gegründet.

Die Stiftung Berliner Philharmoniker entspricht dem Ideal der Orchesterdemokratie, das nun zum ersten Mal konsequent verwirklicht wurde. Die Geschäfte führt der Stiftungsvorstand, der aus dem Chefdirigenten, dem Intendanten (als Sprecher) und zwei Orchestervertretern besteht. Der Vorstand befindet über Programm und Produktion. Bei Stimmengleichheit entscheidet der Intendant als geschäftsführender Manager, in Medienfragen der entsprechende Orchestervorstand. Beide Orchestervertreter müssen allerdings una voce stimmen. Ein vom Orchester gewählter Fünferrat dient als Beraterteam und übernimmt Vorstandsaufgaben wie etwa die Kontrolle der Dienstbücher. Früher musste ein Vertreter des Senats die Dienstpläne abzeichnen. Allem übergeordnet ist ein Stiftungsrat, dessen Vorsitzender Berlins Kultursenator Thomas Flierl (PDS) ist – so kann nichts am Senat vorbeilaufen.

Stiftungsverträge bringen Planungssicherheit, auch für die Städte. Angesichts des öffentlichen Bankrotts aber ist die Suche nach Sponsoren oft die letzte Hoffnung bedrohter Theater und Orchester. Nur Musicaltheater können ohne Subventionen überleben. Die anderen stecken in der Krise. Seit 1992 sind von 168 öffentlich subventionierten Konzert-, Opern-, Kammer- und Rundfunkorchestern in Deutschland 29 für immer verstummt. Über 1700 Musikerstellen wurden gelöscht, davon 1395 in den neuen Bundesländern. Viele Häuser haben nur um den Preis der Fusion mit anderen überlebt.

Dennoch ist der Standort Deutschland, mit rund 137 Orchestern und 86 Opernhäusern, immer noch unangefochten Weltmeister in E-Musik. An Nachwuchs mangelt es nicht. Während die Erosion der freien Stellen unvermindert anhält, wächst die Zahl der Studierenden, "produzieren" die Musikhochschulen so viele Orchestermusiker wie nie. Sie können hoffen. Noch besuchen in Deutschland mehr Menschen Konzerte und Kulturveranstaltungen als Fußballspiele und Formel-1-Rennen zusammen. Noch investieren Bund, Länder und Kommunen rund vier Milliarden Euro in die Förderung der Kultur. Der Beitrag von Stiftungen, Sponsoren und Mäzenen nimmt zwar zu, macht aber allenfalls zehn Prozent der Kulturförderung aus.

Emanuel Eckardt