Der Winter in Shanghai ist sehr kalt. Zitternd, eine rote Filzjacke schützend über die Knie gezogen, hockt ein kleines Mädchen am Straßenrand, vor dem Blumenstand ihres Vaters. Es schaut den Menschen nach, die zur nahen Bushaltestelle laufen, um sich in die Nummer 606 in Richtung Hafen zu quetschen. Es ist acht Uhr morgens im alten Arbeiterviertel des Stadtbezirks Pudong, und wie fast jeden Morgen eilt eine junge, elegante Frau auf den Blumenstand zu. Freundlich begrüßt Acho Tang die Tochter des Blumenhändlers und deren Vater. Seit 15 Jahren schon wohnt die junge Chefmanagerin der Firma Cosmobic hier im Viertel und kennt beide gut. Als sie kurz darauf in ein Taxi steigt und davonfährt, schaut ihr das kleine Mädchen noch lange nach. Gut möglich, dass sie in Acho Tang ihre eigene Zukunft erkennt.

Es ist ja auch nicht schwer. Obwohl noch keine 30 Jahre alt, ist Tang Chief Business Planning Officer eines milliardenschweren Mobilfunk-Joint-Venture der japanischen Elektronikriesen NEC und Panasonic. Ihr Weg aus der engen Arbeiterwohnung, wo sie seit der Kindheit mit den Eltern lebt, in die neue Welt der Hochtechnologie ist nicht weit. Nach nur zehnminütiger Fahrt lässt Tang das Taxi vor dem höchsten Haus Chinas, dem 88 Stockwerke hohen, einer traditionellen Tempelpagode nachempfundenen Jin Mao Building in Pudong, halten. Der oberere Teil des Gebäudes hat sich an diesem Morgen in Nebel gehüllt. "Ich arbeite über den Wolken!", ruft Tang und lacht dabei fröhlich und unbekümmert. Ihr älterer Bruder, der es in Peking zum Filmregisseur gebracht hat, sagt über sie: "Mit ihrem Lächeln hat sie mich eine Kindheit lang ausgestochen und anschließend die Welt erobert."

So aber war das immer mit Shanghai und seinen, in ganz China für ihre Schönheit und Durchsetzungskraft bewunderten Frauen. Ihrem Lächeln verdankte die Stadt in der Kolonialzeit den Ruf, das "Paris des Ostens" zu sein. Doch es war ein zweifelhafter Ruf. Shanghai war zugleich "Hure des Orients", ausgebeutet von fremden Mächten. Nach der Befreiung im Jahr 1949 setzten die Pekinger Kommunisten die Fremdherrschaft fort. Erst in den vergangenen zehn Jahren, unter den Gesetzen eines sich ausbreitenden Kapitalismus, ist die Stadt neu aufgeblüht. Ihre wiedergewonnene Anziehungskraft aber verdankt sie dem Erfolgskonzept ihrer Frauen: schön zu sein und hart zu arbeiten. Keine andere Stadt in China ist heute so anmutig wie Shanghai mit seinen alten Kolonialvillen und neuen Finanzhochbauten. Und keine andere Stadt arbeitet so hart.

Europa ist Sozialismus

Acho Tang hat es vorgemacht. Während ihr Bruder vor dem Schulstress kapitulierte und in die Ballettschule auswich, nahm sie eine Prüfungshürde nach der anderen, studierte Volkswirtschaft an der besten Shanghaier Universität, ging zum MBA-Studium nach Paris, wechselte nach dem Abschluss in einen großen französischen Konzern, nutzte die Chance zum Neuaufbau von Cosmobic für den Karrieresprung – und verlor dabei ihr Lächeln nicht. Doch wehe dem, der Tang zu Hause bei den Eltern besuchen will! Da würden die Nachbarn denken, sie brächte den zukünftigen Ehemann mit. Tang aber will Freiheit und Erfolg durch nichts gefährden. Sie denkt wie ihre Stadt: nur an das nächste Geschäft. Mit Cosmobic will sie der erste Anbieter von Multimedia-Handys in China sein. Diese Woche ist sie in London, um den Konkurrenten Hutchison Whampoa bei der Einführung seiner neuen UMTS-Geräte in England zu beobachten. An Europa verschwendet sie dabei keine Gedanken. "Meine Shanghaier Freundin, die jetzt in Stuttgart lebt, sagt, das Studium dort sei wie Faulenzen. Mir kam während des Studiums Paris viel sozialistischer als Shanghai vor. Unser Wachstum ist eben viel schneller. Deshalb ist hier der beste Ort für meine Karriere", sagt Tang in fließendem Französisch, das gelernt zu haben sie dennoch nicht bereut: "Ich werde jetzt vier Jahre durcharbeiten und dann ein Jahr in Frankreich Ferien machen."

Europa gleich Sozialismus und Ferien, Shanghai gleich Wachstum und Karriere – aus Sicht der Arbeitertochter Acho Tang, die sich aus eigener Kraft emporgearbeitet hat, macht das Sinn. Doch in Wirklichkeit hat Shanghai seine kommunistische Vergangenheit noch längst nicht abgeschüttelt. An nebelfreien Tagen in Sichtweite von Tangs Büro, in etwa gleicher Lufthöhe auf der anderen Seite des Huangpu-Flusses, regieren noch immer die Männer, die ihre Stadt und ihre Frauen stets betrogen haben. Typen wie Yu Zhifei, die es nicht stört, wenn ihr grauer Büropullover den Bierbauch betont, die beim Gespräch auf der Ledercouch die Beine nicht zusammenbekommen – als wollten sie vor dem nächsten Termin ihre Sekretärin flachlegen. Yu – Anfang 40, MBA-Titel, aber ohne ausländischen Studienabschluss – hat sein Büro im 29. Stock des vornehmsten, weil vom englischen Stararchitekten Norman Foster konzipierten Wolkenkratzers der Stadt. Hier schlägt das Herz der Shanghaier Stadtplanung. Unter dem Dach der stadteigenen Shanghai Juishi Corporation, nach der auch das Gebäude benannt ist, logieren die Gesellschaften für den Bau des Transrapids, der Shanghaier U-Bahn, des zukünftigen Weltausstellungsgeländes und der neuen Formel-1-Strecke der Stadt. Yu leitet das Rennbahnprojekt – mit Erfolg. Die Entscheidung von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone, schon im Herbst 2004 das erste Rennen in Shanghai stattfinden zu lassen, hat ihn zum offiziellen Stadthelden gemacht. Täglich berichtet die Shanghaier Parteipresse von ihm, sogar die International Herald Tribune erkannte Yus "Charisma". Nun glaubt er, sich alles erlauben zu können. Vor den Glaswänden Norman Fosters wischt Yu mit einer Handbewegung über das benachbarte 30-stöckige Hochhaus der Bank of Shanghai und einen neuen Apartment-Komplex mit mehreren Hochbauten hinweg. "All das wurde illegal errichtet und muss verschwinden, denn hier wird das Gelände für die Weltausstellung 2010 entstehen", bestimmt der Formel-1-Guru.

So ähnlich muss die Entscheidung für den deutschen Transrapid in Shanghai auch einmal gefallen sein. Was dabei legal oder illegal war, welche Häuser für den Bau der Strecke niedergerissen wurden und welche nicht, entschieden nicht Gerichte, sondern Männer wie Yu. Weshalb sich heute ganz Deutschland für die Gesetzlosigkeit Shanghais zu begeistern scheint: In weniger als zwei Jahren wurde fertig gestellt, wozu man in Deutschland in den drei Jahrzehnten seit Erfindung der Magnetbahntechnik nicht fähig war – die erste voll betriebsfähige Transrapidstrecke der Welt. Bundeskanzler Gerhard Schröder wird sie am Silvesterabend einweihen. Doch Schröder ehrt nicht das neue, sondern das alte Shanghai. "Möglich ist der Transrapid in Shanghai nur, weil es hier immer noch eine Kommandostrukur gibt, wo einer oben etwas befiehlt und alle anderen ihm folgen", lästert einer der großen Männer der Stadt. Er war Professor und Richter, bevor er eines der wichtigsten Ämter Shanghais im Kampf gegen die Korruption annahm. Seither ist er ein gefürchteter Mann. Was ihm in Shanghai nicht gefällt, ist der Missbrauch staatlicher Gelder. "Das Volk ärgert sich mehr über die Kleinkriminalität in den Straßen, aber die eigentliche Gefahr droht von der großen Kriminalität in den Amtsstuben. Zu viele glauben, dass sie ungeschoren davonkommen, wenn sie sich aus der Staatskasse selbst bedienen", warnt der unerbittliche Gesetzeshüter.

Das ist das andere Shanghai: hässliche Männer, die mit fragwürdigen Methoden der schönsten Stadt Chinas die Zukunft verbauen. Ein Loch von mehreren Milliarden Yuan wird der Transrapid in die Shanghaier Stadtkasse reißen. Die Formel-1-Rennstrecke wird dem Verluste in Höhe von 200 Millionen Yuan (etwa 24 Millionen Euro) hinzufügen. Ganz zu schweigen von den Kosten der Expo, deren Investitionsvolumen sich auf mindestens 200 Milliarden Yuan (rund 24 Milliarden Euro) belaufen wird. "Es wäre gut, wenn sich Shanghai etwas weniger mit Tokyo oder New York vergleichen würde und, statt auf eine blinde Aufholjagd zu setzen, sein eigenes Tempo finden würde", rät der ehemalige Richter. Doch Rennstreckenboss Yu will bewusst alle Geschwindigkeitsbegrenzungen brechen. "Wir sind bereits in die Liga der bekanntesten Städte der Welt aufgestiegen. Vielleicht werden wir das New York des 21. Jahrhunderts." Diesen Anspruch soll auch ein Sonderflugzeug der Shanghaier Formel-1-Gesellschaft für ausländische Gäste unterstreichen. Auf dem Flugzeug wird zu lesen sein: "Die Schnellste, die Höchste, die Anspruchsvollste". Gemeint ist Shanghai, das mit dem Transrapid die schnellste Bahn der Welt hat (in Testfahrten erreicht er bereits 400 Stundenkilometer), mit dem Jin Mao Building das höchste Haus Chinas und der neuen Formel-1-Strecke die demnächst anspruchvollste Rennbahn der Welt.