"…Der greise Adenauer in Cadenabbia, die Bocciakugel in der Hand. Überm zerknitterten Indianergesicht das Pepitahütchen. Der Spaß, die Kugel listig so zu werfen, dass die Konkurrenten auseinander fliegen – war er nicht eine Metapher der Machtpolitik und Adenauer also ganz unverstellt bei sich selbst im Spiel?"

Da sitze ich nun am Schreibtisch, in der dressierten Haltung des "Clerk", des Intellektuellen, Büromenschen, des Klosterschreibers, des "clericus" eben, im Gegensatz zum Reiter, Jäger, Sportsmann, und denke nach, über die Tastatur gebeugt. Es soll um Sport gehen. Und um Weihnachten.

Des Menschen Leben währet 70 Jahr’

N o Sports: Es erscheint Winston Churchills fleischiges Gesicht, mit der Zigarre darin, und darunter die vom stattlichen Bauch gewölbte Weste, mit der Uhrkette behängt. Und gleich verdichtet sich das nächste Bild, eines der berühmtesten aus LIVE: Wir sehen den britischen Expremier von hinten. Mächtig wie ein Felsfindling sitzt er da im Vordergrund, den legendären Hut auf dem Kopf, und vor seinen und unseren Augen, die nur das Stoffmuster seines Mantels zu sehen kriegen, liegt der Park seines Landsitzes friedvoll ausgebreitet. Churchill tut nichts, er ist einfach da. Es muss die Zeit gewesen sein, wo er sein No Sports als Antwort gegeben hat auf die Frage, welchem Prinzip er Gesundheit bis ins hohe Alter verdanke.

Sport und Lebenserwartung: Palmsonntag vor fünf Jahren in dem kleinen Chiemseedorf. Der Steuerberater, ein drahtiger und durch und durch sportlicher, seiner Gesundheit lebender Mann, joggt wie so oft, von seinem Schäferhund begleitet, vor dem Mittagessen. Viele Spaziergänger sehen das sympathische Paar an diesem sonnigen Morgen vorüberziehen. Die Gegend ist hügelig und waldreich, der Jogger verschwindet im Gelände. Der Mittag verstreicht, der Jogger kehrt nicht heim. Man findet ihn auf einem Waldweg, tot, von seinem Hund bewacht, er ist 49 Jahre alt geworden. Braun gebrannt schaut uns auf dem Friedhof sein Foto auf dem Grabstein an. Ein paar Gräber weiter der Gastwirt des Dorfes, der im selben Sommer begraben wurde. 70 Jahre ist er alt geworden, so wie er aussah, hätte er auch 80 sein können, blass war er und schwer, und niemand wunderte sich, als er starb, weil er seit langem nicht gesund gewesen war. Beide Todesfälle wurden im Dorf beredet, und beide hatten ihre Ordnung, weil sie bewiesen, dass der Mensch denkt, Gott aber lenkt. Auf die Idee, dem Steuerberater sein übersportliches, dem Wirt sein unsportliches Leben vorzuhalten, wäre niemand gekommen.

Hic Rhodus, hic salta

Und du selbst und der Sport? Allerfrüheste, unangenehme Erinnerungen. Es ist Nikolausabend, vier Jahre nach dem Krieg. Als habe es nicht eben noch Kinderschreck genug gegeben, tritt in Bayern schon wieder der Krampus auf, schwarzgesichtige, kettenrasselnde Höllengestalt. Der Fünfjährige hat es in der Turnstunde an Begeisterung fehlen lassen. Das weiß der Nikolaus, und darum gebietet er dem verängstigten Kind, über seine Rute zu springen, widrigenfalls der Krampus (rassel, rassel) es in seinem Sack mitnehmen werde. Der Sprung gelingt vor lauter Verzweiflung, aber unauslöschlich das peinliche Gefühl, von der eigenen Familie verraten worden zu sein. Später im Griechischunterricht die Belehrung über die kalokagathia, womit gemeint war, dass in einem schönen Körper auch eine schöne Seele wohne. Auf dem Weg dorthin erinnere ich vor allem den Geruch von Schweiß in "Knabenumziehräumen", die pubertären Zoten und das pelzige Gefühl des Magnesiums an den Händen beim Reckturnen. Meine lebendigste Erinnerung an unsere Turnhalle ist der Faschingsdienstag 1956. Die Abiturklassen probierten die Lautsprecher aus. Wie ein kosmischer Donnerschlag knallte es "A One Two Three O’Clock Four O’Clock – Rock", und zuckende Leiber tobten unter den hochgezogenen Turnringen. Ein Schlüsselerlebnis. Als ich 15 war, schrieb der Sportlehrer bitter in meinen Schülerbogen: "Vom Turnen befreit, ist der Schüler aber offenbar kräftig genug, mit seiner Jazzband nächtelang herumzuziehen." Wie es sich am besten wohnte im wohlfunktionierenden Gehäuse des eigenen Körpers, ob in Bewegung oder Ruhe, dazu lieferte der Schulsport wenig nützliche Hinweise.

Die Stoppuhr im lauwarmen Schulschwimmbad vergällte mir dennoch nicht die Lust am "Schwimmen in Seen und Flüssen": Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm/ Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt (B. Brecht). Und als Anfang der achtziger Jahre Münchens Suburbia entdeckte, dass der Mensch sich dem Fliegen nähern konnte durch Windsurfen am oberen Gardasee, zwängte auch ich mich, folgsam dem Zeitgeist, in den Neoprenanzug. Und saß nach dem Wasserglück, dem Herumflitzen auf dem weißen Brett, das von außen betrachtet eher komisch aussieht, auf dem Kieselstrand und las törichte Surfzeitschriften, so wie alle anderen.

Etymologisches Lexikon

Sport m. (als Wettkampf betriebene) körperliche Ertüchtigung … Übernahme (1. Hälfte 19.Jh) von gleichbed. engl. sport, eigentl.: Vergnügen, Kurzweil … entstanden aus to disport: sich vergnügen, sich unterhalten, ausgelassen sein… Erscheint im Nhd. zuerst am 9. Oktober 1828 bei H.L.H. Fürst Pückler-Muskau, Briefe: Sportsman, Sport ist ebenso unübersetzbar, wie Gentleman.

Da haben wir’s. Zwischen aristokratischem Spieltrieb und humorfernem Muskeltraining schlingert unser Sportbegriff hin und her. Was das Lexikon verschweigt, ist der dritte Aspekt, der Aufstieg des Sports zu einer beherrschenden Denk- und Sprachform, die alle Lebensbereiche durchdringt, das Jahr in Sportsaisons einteilt, die längst die alten Jahreszeiten zu bloßen Kulissen degradiert haben. "Sportlich" muss der Herrenhalbschuh sein ebenso wie das Eau de Toilette der jungen Dame. Das Lächerliche des uferlosen Sportbegriffs wohnt nah beim Hochpolitischen. In den USA ist Sport die Aufstiegsleiter für alle, Symbol der allen minorities offen stehenden "Meritokratie". In Deutschland ist Sport ein vom Staat verwöhntes Trainingslager der Gesellschaft, wo Disziplin und Lustprinzip zur Synthese gebracht werden sollen.