Dann guck doch Arte! Wer sich bei Vertretern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks über das Programm von ARD und ZDF beschwert, weil er die Vielzahl kitschklebriger Fernsehfilme um Viertel nach acht ebenso wenig sehen möchte wie das ewige Volksmusik-Humptata, wird gern an den deutsch-französischen Kulturkanal Arte verwiesen.

Doch wer guckt schon Arte? Mit 0,7 Prozent ist der deutsche Marktanteil, allen Bemühungen der Verantwortlichen zum Trotz, winzig. Auch attraktive Fernsehfilme, die bei ARD und ZDF vier Millionen und mehr Zuschauer locken, werden bei der Erstausstrahlung durch Arte von vielleicht 400 000 Menschen eingeschaltet. Als seien selbst Krimis wie Bella Block oder Sperling im Kulturkanal weniger spannend. 3sat, dem zweiten öffentlich-rechtlichen Sender mit kulturellem Schwerpunkt, geht es mit 0,9 Prozent Marktanteil ähnlich.

Will das Publikum gar kein anspruchsvolles Programm? Ja und nein. Fernsehen ist - für alle Bevölkerungsschichten - nicht nur ein Informations-, sondern vor allem ein Berieselungsmedium. Die Propheten, die noch vor wenigen Jahren die Konvergenz von Internet und Fernsehen verkündeten und vom emanzipierten Fernsehkonsumenten fantasierten, der sein eigener Programmdirektor werde, sind still geworden. Heute wie je genießen die Zuschauer, passive TV-Empfänger zu sein und sich in der televisionären Wärmestube einzufinden, dort ein bisschen herumzutrödeln und bekannte Gesichter zu sehen.

Arte dagegen ist mit seinem anspruchsvollen, kühl-intellektuellen Image, seinem unübersichtlichen und teilweise exotischem Programm und seiner binationalen Konstruktion von Anfang an eine Art Antifernsehen gewesen. Es richtet sich an Menschen, die eigentlich wenig TV gucken. Akademiker und Kritiker loben Arte voll Überschwang - und sehen im Zweifel lieber Günther Jauchs Millionenquiz bei RTL. Würde Arte weniger artig gelobt und mehr geguckt, hätte sich längst herumgesprochen, dass das Programm dort halb so elitär ist wie sein Image. Und leider oft auch lange nicht so gut.

Hat ein Sender erst mal den Ruf, so anstrengend zu sein wie Arte, wird er nur selten eingeschaltet. Das heißt im Umkehrschluss allerdings nicht, dass kein Mensch niveauvolle Programme sehen will. Es ist und bleibt offenbar ein Gesetz des Fernsehens, dass wir Zuschauer uns die "guten" Sendungen gern vorführen lassen, aber nicht fleißig nach ihnen suchen. Selbst ein so anspruchsvoller und schwer konsumierbarer TV-Film wie Dominik Grafs verrätselte Henry-James-Adaption Die Freunde der Freunde fand kürzlich um 20.15 Uhr im Ersten über zwei Millionen Interessenten. Das sind für ARD-Verhältnisse sehr wenige und doch mehr, als der Kulturkanal in seiner über zehnjährigen Geschichte jemals erreichte. Die Arte-Quoten schwellen immer dann ein wenig an, wenn man sich Themen wie Sex und Schönheitschirurgie widmet. Ein so stark beworbenes ARD-"Programmereignis" wie Die Manns wurde auch bei Arte überdurchschnittlich oft gefunden. Doch selbst der exzeptionelle Quotenhöhepunkt der Arte-Geschichte, die Erstausstrahlung des Kinofilms Lola rennt, kam nur auf 1,6 Millionen Zuschauer.

Was also tun, müssen sich die TV-Artisten fragen: in Schönheit sterben, weil einem Sender fast ohne Publikum auf Dauer die Legitimation fehlt? Oder die Marktgesetze berücksichtigen - also auf die Quote, den Publikumsfluss von einer Sendung zur nächsten, das Konkurrenzprogramm und günstige Umschaltzeitpunkte achten - und sich so vielleicht erst recht entbehrlich machen, weil man den anderen zu ähnlich wird? Das Dilemma erinnert ein wenig an das der Grünen: Fundi bleiben oder zum Realo werden? Mit einem Unterschied allerdings. Die Ökopartei wäre mit so wenigen aktiven Anhängern nicht überlebensfähig. Arte dagegen wird nicht direkt von den Zuschauern, die den Sender bezahlen, "erwählt" - der Sender wurde von der deutsch-französischen Politik geschaffen. Daher ist der Tod von Arte ausgesprochen unwahrscheinlich. Trotzdem hört man von Arte oft Realo-Töne, zum Beispiel vom "Fiction"-Chef Andreas Schreitmüller: "Fernsehen, von dem man meint, dass es kaum jemanden interessiert, soll man erst gar nicht machen. Man kann kein Programm für die Happy Few machen, für das der Zuschauer studiert haben muss."

In diesem Geist wurde auch der "Arte-Entwicklungsplan 2003-2005" verfasst, den die Mitgliederversammlung vor zwei Wochen als "Ergebnis eines fast zweijährigen Prozesses" verabschiedet hat. Der Plan liest sich wie das Vermächtnis des scheidenden Arte-Präsidenten Jobst Plog, der im Hauptberuf NDR-Intendant ist. Unter seiner Präsidentschaft wurde der Kulturbegriff bereits in Richtung Gesellschaft und Küche erweitert und ein neues Nachmittagsprogramm kreiert, in dem auch "zu Tisch"gebeten wird. Die viel gerühmten Themenabende wurden verkürzt und ein zusätzlicher Prime-Time-Spielfilmtermin geschaffen. 2004, wenn Arte in Deutschland und Frankreich den ganzen Tag zu sehen sein soll, tritt ein neues Programmschema mit weitergehenden Änderungen in Kraft. So sollen die Themenabende nach (vom Sender nicht bestätigten) Informationen künftig nur noch 120 Minuten dauern, was Kritiker als deren faktische Abschaffung verstehen.