In Oberammergau, dem weltberühmten Bauerndorf in den oberbayerischen Alpen, reiht sich Schnitzladen an Schnitzladen. Hölzerne Kruzifixe, Madonnen, Heiligen- und Krippenfiguren warten in den Schaufenstern auf Käufer. Aber auch Neuzeitliches ist ausgestellt wie Mickymäuse und Baseballspieler.

Oberammergau gilt als Mekka alpenländischer Schnitzkunst und verdankt seine touristische Bedeutung neben den Passionsspielen vor allem dieser handwerklichen Tradition. Doch die ist gefährdet. Denn sehr vieles, was in Oberammergau die Schaufenster füllt, wird importiert: Maschinenschnitzereien aus Südtirol, in Großserien billigst hergestellt. Echte Oberammergauer Handwerkskunst muss man unter all dem Touristenramsch mit der Lupe suchen.

Die berühmten Herrgottsschnitzer, die ihre Waren einst auf sperrigen Kraxen trugen und nach ganz Europa verkauften, drohen auszusterben.

"Unser Ruf wurde durch die Massenware beschädigt", sagt Tobias Haseidl, Bildhauermeister und Vorsitzender des Oberammergauer Lukasvereins, der die Interessen der verbliebenen ortsansässigen Holzschnitzer vertritt. Die Tradition sei "systematisch entwertet" worden, was sich mittlerweile in einem dramatischen Nachwuchsmangel niederschlage. Derzeit gibt es zwar noch 60 bis 70 Schnitzer im Dorf, doch sind die meisten schon älter als 50 Jahre. In der Regel handelt es sich dazu noch um Einzelkämpfer, die nur auf Kundenwunsch arbeiten. Größere Werkstätten, die auch Lehrlinge ausbilden, gibt es gar keine mehr. "Mittelfristig droht unser Handwerk in Oberammergau auszusterben."

Es sähe alles noch viel düsterer aus, gäbe es nicht die Oberammergauer Schnitzschule. Hier kämpft man gegen die Massenware an. Über Bewerbermangel kann sich die Staatliche Berufsfachschule für Holzbildhauer, die in diesem Jahr 125 Jahre alt geworden ist, nicht beklagen. Aus aller Welt gibt es Anfragen. In diesem Jahr konnten 18 neue Lehrlinge aufgenommen werden, etwa die Hälfte der Bewerber, die zur Aufnahmeprüfung erschienen waren. Insgesamt arbeiten an der Schule 40 Frauen und Männer auf ihre Gesellenprüfung hin.

Eines allerdings trübt die Bilanz: Zurzeit stammt nur ein einziger der Schnitzschüler aus Oberammergau. "Es ist sehr schwer, sich als freier Holzbildhauer eine Existenz aufzubauen", sagt Konrad Saal, Rektor der Schnitzschule. "Die meisten jungen Leute wollen eher das schnelle Geld und scheuen den Aufwand und das Risiko." Als echten Brotberuf wie früher gebe es den Holzbildhauer in Oberammergau nicht mehr, sagt er. Das erledigen jetzt die Maschinen anderswo.

Einer der jungen Schnitzschüler ist Michael Biber. Der 23-Jährige hat gerade seine Abschlussprüfung abgelegt. In einem Raum der Schule ist sein Gesellenstück ausgestellt, die Plastik einer schwangeren Frau, ausgeführt in Gips und Holz. Daneben steht, ganz klein und unauffällig, eine hölzerne Heiligenfigur. Der Größenvergleich versinnbildlicht in etwa den Stellenwert der hergebrachten Herrgottsschnitzerei. Man will und kann nicht von ihr lassen, misst ihr aber keine allzu große Bedeutung mehr zu. Stärker gefragt als das Kopieren von Vorlagen ist kreativ-künstlerisches Arbeiten.