Südkorea ist ein kurioses Land. In Südkorea wurden zum Beispiel der ergonomische Meditationssessel erfunden und die moderne Version des Hula-Hoop-Reifens, in dessen Innenseite Hunderte von kleinen Gummisaugnäpfen sitzen. Der Erfinder teilt mit, dass die Nutzer des Reifens wie von "30000 Fingern massiert werden". Außerdem gibt es in Südkorea inzwischen vier TV-Sender, die 24 Stunden über nichts anderes als über Online-Spiele und ihre Helden berichten. Die ganze Nation scheint vor dem Computer oder dem Fernseher zu sitzen und sich mit Starcraft zu beschäftigen, sodass man sich fragt, ob diese Menschen überhaupt dazu kommen, Auto zu fahren. In Deutschland wäre so etwas noch undenkbar. Jedenfalls sieht der südkoreanische Fahrzeughersteller Hyundai zwischen Kiel und Konstanz einen immensen Markt. Etwa 408 Hyundai-Händler gab es Anfang des vergangenen Jahres, inzwischen sind es rund 430. In diesem Jahr will das Unternehmen in Deutschland 32000 Autos verkaufen.

Eines der Modelle ist der Geländewagen Hyundai Terracan 2.9 CRDi in der GLS-Version. Wer ihn als Deutscher bekommt, fühlt sich in etwa so, wie wenn einem ein Freund seinen Husky für zwei Wochen zur Pflege anvertraut. Zuerst fremdelt man ein wenig, zum Schluss möchte man ihn gar nicht wieder abgeben. Man fremdelt zum Beispiel deshalb, weil man seinen Namen nicht richtig auszusprechen weiß. JUNDA-I oder JONDA-I? JUNDEI oder HUNDEI? Man fremdelt auch, weil er wie ein Husky die Natur schätzt, und das ist in der Stadt schwierig. Natürlich kann man mit dem Hyundai Terracan prima das gesammelte Altpapier eines ganzen Jahres zum Container an der Hamburger Außenalster bringen – die Ladefläche misst bei umgeklappten Rücksitzen bis unter das Dach 2000 Liter. Aber seine Bestimmung ist die Provinz. Und niemand anders wäre als Kopilot für eine Landpartie besser geeignet als ein Schwede, der aus Järna, in der Nähe von Stockholm, kommt, wo die Wildnis noch Wildnis ist, wo der Po im Winter ohne Sitzheizung fix einfriert und wo man sich auf der Straße alles leisten kann, außer auf der Strecke zu bleiben.

Oi-joi-joi, sagt der Schwede beim Blick auf die Armaturen, während Hamburg gerade aus dem Rückspiegel verschwindet: was für ein hübsches Wurzelholz! Das Dekor des Terracan ist stilvoll designt, jeder Knopf prima zu bedienen, die Ledersitze wärmen bereits nach wenigen Metern. Butterweich wechselt der Schaltknüppel die Gänge. Wer seit 15 Jahren in keinem Geländewagen mehr gesessen hat, merkt deutlich, dass der Terracan nichts mit der Generation Personenkrafttrekker zu tun hat, die damals knatternd den ländlichen Raum eroberte. Geradezu leise schnurrt der 150-PS-Dieselmotor über die Straße, erst bei 140 Stundenkilometern wird er etwas lauter. Mag sein elegantes, schnörkelloses Äußeres eher an ein Rennpferd erinnern, von innen betrachtet ist er ein Bulle, dessen Fell in der Wintersonne silbergrau schimmert und dessen Motorhaube mit der Lufthutze Kraft und Sicherheit signalisiert.

"Sie haben Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer eingebaut", tönt es plötzlich vom Beifahrersitz. Der Schwede hält das Bedienerhandbuch aufgeschlagen vor sich und schmunzelt über das Amtsdeutsch. Es klingt ein wenig wie aus der Feder von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Der Schwede liest: "Während die Gurtstraffer im Falle eines Unfalls blitzschnell die gefürchtete Gurtlose beseitigen, wodurch die Passagiere frühzeitig an der Verzögerung des Fahrzeugs beteiligt werden, reduzieren die Gurtkraftbegrenzer ab einem bestimmten Schwellenwert die auf den Oberkörper einwirkenden Kräfte des Sicherheitsgurtes." Aber was soll schon passieren? Im schlechtesten Fall fliegen wir in 190 Liter Airbag. Und mögliche Folgekosten werden bis auf Widerruf von der Krankenkasse beglichen.

Inzwischen sind wir kurz hinter Buxtehude. Der Winter hat der Landschaft eine geheimnisvolle Morbidität verliehen. Zäune, Bäume und auch das Strauchwerk wirken wie Fabelwesen. Immergleiche Furchen durchziehen das Ackerbraun, am Rande einer Wiese stehen drei Pferde, regungslos, die Rücken vom Grau des Frostes überzogen. Der Schwede bittet um ein Off-Road-Abenteuer, und mit Verlassen der Straße scheinen wir in das Gemälde hineinzufahren. Weißt du, sagt der Schwede, in diesem Wagen werden Urinstinkte geweckt, er ist eine Art rollender Hochsitz des modernen Jägers. Der Ostwind peitscht derweil gegen die Scheibe, unter den Autositzen zieht die Einsamkeit des Feldweges dahin. Irgendwann später steht der Terracan vor einer Böschung. Na, ist das zu schaffen? Allrad rein, und los! Die Frontscheibe zeigt gen Himmel, doch die Himmelfahrt ist für das Auto genauso wenig eine Herausforderung wie die anschließende Tour über den Acker. Der Terracan hüpft wie beim Rodeo. Man muss sich jedoch keine Sorgen machen, dass es einem so geht wie dem 79-jährigen Jäger, der vor gut zwei Wochen mit seinem Wagen in der Pampa stecken blieb und später tot aufgefunden wurde.

Es ist schön, wenn nicht das Fahrzeug die Pause vorgibt. Der Schwede greift zur Thermosflasche und gießt Tee in die beiden Becher, die in der Halterung zwischen den Sitzen stehen. Der Abend sinkt. Aus dem Schornstein eines Bauernhauses steigt weißer Rauch zum Himmel auf. In dieser Stille wird klar, dass der Terracan ein Gegenentwurf zur dionysischen Auffassung vom Auto bildet, nach der ein Geschwindigkeitsrausch das höchste der Gefühle ist. Während man im Sportwagen schon beim Start das Ziel spürt, wird man in diesem Geländewagen von einer Vagabondage erfasst. Der Schwede ist maximal begeistert, und nur ein vorbeiziehender Elch könnte die Stimmung nochmals steigern. Gleichzeitig scheint ihn ein wenig zu fuchsen, dass nicht nur Saab und Volvo solide, wildnis-taugliche Autos bauen, und die auch noch mit einem Durchschnittsverbrauch von weniger als zehn Litern. Und einem Verkaufspreis, der bei der Leistung kaum zu unterbieten ist. Sparsamkeit ist neben Sicherheit schließlich ein wichtiges Kaufkriterium. Vor allem für Leute, die auf Landstraßen Tag und Nacht unterwegs sind und als Käufer für den Terracan infrage kommen. Pferdebesitzer zum Beispiel. Oder Tierärzte. Oder Bauern. Doch ein deutscher Bauer steigt nicht so mir nichts, dir nichts in einen koreanischen Wagen. Auf Landwirtschaftsmessen wie der Eurotier in Hannover fährt der deutsche Bauer am liebsten mit einem deutschen Fahrzeug vor. Ein Volvo wird da schon als Provokation gesehen. Der deutsche Bauer braucht für den Willen zur Exotik einen finanziellen Leidensdruck. Wenn es in der Landwirtschaft noch weiter bergab geht, darf man den Terracan also auch als Beitrag zur Agrarkrise sehen.

Alter Schwede, was für ein Koreaner!