Eine traurige Wissenschaft ist die Kriegsursachenforschung. Immer kommt sie zu spät. Doch nie zuvor sind die Gründe eines bevorstehenden Krieges wie im Falle Irak so detailliert, nie sind seine absehbaren Folgen so ausführlich ausgemalt worden wie in diesen Tagen. Bomben fallen auf das alte Mesopotamien bereits seit Monaten. In spätestens 30 Tagen könnte der Aufmarsch der amerikanisch-englischen Armee am Persischen Golf abgeschlossen sein. Was noch fehlt, sind Datum und Uhrzeit des ersten Schusswechsels von Bodentruppen auf irakischem Boden. Und doch ist dieser Krieg so vermeidbar wie kaum ein anderer.

Er wäre das von Washington gewollte, von den Vereinten Nationen halbherzig sanktionierte, von Saddam Hussein provozierte Nebenprodukt des "Kriegs gegen den Terrorismus", genauer - seine Fortsetzung mit falschen Mitteln. Und vielleicht wäre er auch die Ouvertüre eines lang währenden Weltreligionskrieges, mithin der größte Erfolg der Terrorsekte al-Qaida. Die Antiterrorkoalition, an der viele der 53 mehrheitlich islamischen Nationen beteiligt sind, würde unter dem Eindruck der Kriegsbilder aus Bagdad zerfallen.

Der längste Selbstmordbrief Eine Militärintervention gegen das Saddam-Regime ist der sicherste Weg, in den Worten des deutschen Außenministers, die wenigen Reformkräfte im Nahen Osten, zumal im Iran, mit den antiwestlichen Mullahs, Ajatollahs und ihren Rekruten in aller Welt zu vereinen. Die Bundesregierung sollte auch deshalb bei ihrem Nein zu einem Irak-Krieg bleiben. Bündnistreue verlangt nicht, den Verstand abzuschalten. Ein deutsches Ja im UN-Sicherheitsrat könnte überdies die rot-grüne Koalition gefährden - ein "Kollateralschaden", den das Weiße Haus natürlich begrüßen würde.

Ein anderes paradoxes Ergebnis des Irak-Kriegs wäre das Ende der Nichtverbreitungspolitik. Nukleare Schwellenstaaten würden, kommt es zum Kampf am Golf, ihre atomare Aufrüstung nicht etwa verlangsamen, sondern beschleunigen, weil sie das Risiko einer amerikanischen Intervention genauer abwägen könnten als bisher. Genau dies geschieht derzeit in Nordkorea.

Wie konnte es zu der Konflikt-Eskalation kommen? Während der ersten Monate des Afghanistan-Krieges spielte der Irak in den politischmilitärischen Planungen des Weißen Hauses und des Pentagons keine zentrale Rolle. Doch beflügelt vom erfolgreichen Bombenfeldzug und motiviert vom Schockerlebnis des mörderischen 11. September 2001, setzte sich in Washington eine Gruppe machiavellistischer Intellektueller durch - unter ihnen Richard Perle, der unlängst den Rücktritt des Bundeskanzlers gefordert hat. Der ehemalige CIA-Direktor Woolsey thematisierte öffentlich eines der Kriegsziele: "Öl".

Angehört und angeführt vom Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und von Vizepräsident Richard Cheney, entwickelte jene Gruppe eine Vision der zukünftigen Pax Americana, die sich in einem außergewöhnlichen Strategiedokument des Weißen Hauses niederschlug. Es verknüpfte Amerikas Hegemonie mit dem Recht auf Präventivkriege. Der Präsident, sagte einer der Kritiker des Konzepts, Henry Kissinger, kurz darauf, habe das Dokument gar nicht gelesen. Aber er hat es unterschrieben. So geriet der Irak ins Fadenkreuz.

Vor den Vereinten Nationen stellte George W. Bush am 16. September klar, dass sein Land auch ohne UN-Mandat angreifen werde, falls Saddam Hussein nicht "sofort und bedingungslos" seine Massenvernichtungswaffen und Mittelstreckenraketen zerstöre. Erst diplomatischer Druck und die Bedenken seines Außenministers Colin Powell mäßigten diese Drohung. Der irakische Diktator erhielt eine letzte Chance - er sollte dem Sicherheitsrat und den UN-Inspektoren sein gesamtes Rüstungsprogramm bis zum Jahresende ohne Auslassungen und Versteckspiele vorlegen und seine Massenvernichtungswaffen und Mittelstreckenraketen gemäß älterer UN-Resolutionen zerstören.