Die Klage über die akademische Philosophie ist so alt wie diese selbst. Je mehr die Philosophen über das gewöhnliche Leben nachdenken, umso stärker entfernen sie sich von ihm, bis ihnen die vertraute Welt im Ganzen unheimlich wird. Der Amerikaner Stanley Cavell zählt zu denjenigen Denkern, die sich mit diesem Weltverlust nicht abfinden wollen. Er ist ein Philosoph, der unter der Philosophie leidet und doch nicht von ihr lassen will, jemand, der ihrem "Hochmut" nicht über den Weg traut und doch nichts unterlässt, um ihre Einsichten unter die Menschen zu bringen. "Da ich die Welt in jedem Impuls zur Philosophie verliere, muss die Welt jeden Tag wieder gewonnen werden – in der Wiederholung wieder gewonnen werden als vergangen."

Beinahe steckt in diesem Satz schon die Quintessenz seines Denkens. Denn Cavell, der sich in seinen jungen Jahren als Musiker, Komponist und Dirigent betätigte und dann dreißig Jahre lang in Harvard Philosophie lehrte, führt einen leidenschaftlichen Kampf gegen den Verlust des Gewöhnlichen und die Macht des Zweifels. Doch wenn Cavell von Skepsis spricht, dem "größten Tier" im "Dschungel" seiner Begriffe, dann meint er nicht nur die Krankheit der Philosophen. Skepsis ist Cavells seltsam unterkühltes Wort für das Leben in der Moderne, für Verlorenheit und Enttäuschung, Entfremdung und Verlust. Skepsis ist der Riss im Herzen des Gewöhnlichen – die Stimme der Distanz, die der kindlichen Stimme des Weltvertrauens ständig ins Wort fällt und die weder widerlegt noch hingenommen werden kann.

Gegen die Macht der Skepsis ist kein Kraut gewachsen. Es hilft nichts, wenn Philosophen einen vermeintlich festen Grund erobern und beteuern, sie verfügten über eine Wahrheit, die über allem Zweifel erhaben sei. Wie sein Lehrer John Austin betrachtet Cavell das Verlangen nach "Tiefe" als einen philosophischen Irrtum, zumal es nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts unmöglich sei, einen metaphysischen Sinn der Geschichte zu erkennen. Geben wir es also auf, der Welt eine Gewissheit und unseren Mitmenschen eine Wahrheit abzupressen. Es ist der sicherste Weg, unsere Zweifel ins Unermessliche zu steigern oder wie König Lear zu enden – im Wahn.

Wer glaubt, Cavell würde nun mit elegantem Zynismus sein Publikum auf die Fakten einschwören, der irrt. Im Gegenteil, Cavell will sich das romantische Heimweh, den Wunsch nach Aussöhnung mit dem Gewöhnlichem, nicht ausreden lassen. Überraschenderweise sucht er seine Mitstreiter weniger in der Philosophie, als in Oper, Literatur und Film, und sie heißen Monteverdi und Shakespeare, Ingrid Bergman und Katherine Hepburn. Sie sind es, die uns die mal komischen, mal tödlichen Dramen vorführen, die sich zwischen Zweifel und Einverständnis abspielen, zwischen dem Wunsch nach Vertrautheit und der Skepsis gegen den Augenblick. "Im Angesicht des Zweifels mit glücklich geschlossenen Augen zu leben, hieße, sich in die Welt zu verlieben. Denn wenn es eine richtige Blindheit gibt, gibt es sie nur in der Liebe."

Natürlich möchte Cavell Philosoph, also skeptisch bleiben, und so schlägt er seinen Lesern vor, den romantischen Traum nach Aussöhnung mit der Wirklichkeit in die Sprache zu verlegen. Cavell fordert uns ganz einfach auf, die Welt in unseren Sprachspielen immer wieder neu zu erschaffen, der Skepsis den Stachel zu ziehen und der Stimme des Gewöhnlichen Gehör zu schenken. Denn Vertrautheit ist uns nicht gegeben, sie ist uns aufgegeben.

Der Einwand liegt auf der Hand. Cavell erweckt den Eindruck, als seien es die Wörter und nicht die Menschen, die sich verirrt haben – als würde die Welt eine andere, sobald wir die Sprache aus dem Exil des Missverstehens an den Ort ihres ursprünglichen Gebrauchs zurückholen, damit sie mit uns modernen Skeptikern Frieden schließt.