In einem Brüsseler Restaurant hat Tuvia Tenenbom einmal zum Essen Leitungswasser bestellt. Der Kellner schoss einen scharfen Blick auf den Gast und fragte dessen belgischen Begleiter: "Ist der Mann Jude?" Von da an verkehrte Tenenbom mit dem Ober in Ruflautstärke: "Ober, der Jude möchte mehr Wasser." – "Ober, der Jude mag das Essen nicht." – "Ober, der Jude will zahlen." Tenenbom wird übermütig, wo andere verzweifeln. Er macht einen Witz, wo andere zuschlagen. Er entdeckt seine Spiellust, wo andere die Flucht ergreifen.

Tuvia Tenenbom, 45, wuchs in Mea Scharim auf, dem ultraorthodoxen Viertel Jerusalems. Ihm stand eine religiöse Laufbahn bevor; sein Vater war Rabbi, sein Großvater chassidischer Oberrabbiner. Als Tuvia 17 war, warf ihn die Gemeinde hinaus. Er hatte nicht ertragen, dass die Rabbiner die "Weltlichen" als Menschen zweiter Klasse ansahen. Er ging nach New York, studierte alles Mögliche, war Taxifahrer, Makler, Diamantenhändler, Banker. 1994 gründete er das Jewish Theater of New York. Die Gemeinde empfand den kompakten, angriffslustigen Mann aus Jerusalem als Störenfried. In einem Stück über das chassidische Judentum gab er einem schwarzen Amerikaner die Hauptrolle. In The Diary Of Adolf Eichmann darf Eichmann ausführlich über die jüdischen Kollaborateure der Nazis reden. Tenenboms jüngstes Stück, es wird am 4. Januar im New Yorker Triad Theater uraufgeführt, heißt The Last Virgin. Es handelt von islamischen Selbstmordattentätern, und um sie zu verstehen, reiste Tenenbom im Sommer nach Jordanien und Palästina. "Ich gab mich als Deutscher aus und wurde freudig empfangen. Man sagte mir: Ihr solltet wegen der Juden keine Schuldgefühle haben, es ist ein Jammer, dass ihr mit ihnen nicht ganz fertig geworden seid."

Es war, sagt Tuvia, eine Reise in den Hass, auf der er ungeheuer liebenswerte Menschen kennen gelernt habe. In Amman schrieb er seine Verwechslungskomödie: Drei Agenten, ein falscher Araber, ein falscher Jude und ein falscher Christ, belauern einander – als sei der Nahe Osten bloß ein verrücktes Maskenspiel, in dem die Märtyrer die Joker sind. Eine Selbstmordattentäterin soll sich an der Klagemauer in die Luft sprengen, so der teuflische Plan der Araber, damit die Juden endlich aus Israel fliehen. Der israelische Geheimdienst hat denselben Plan, aber andere Hintergedanken: Das Attentat soll den Israelis die Rechtfertigung zum finalen Schlag gegen die Araber geben. Die Bombe ist Medium, Transportmittel, Zeitmaschine: Man bombt sich mit ihr in die Zukunft, ins Paradies, in die Abendnachrichten. Tenenbom pflegt einen bagatellisierenden Ton, den man von Woody Allen kennt ("Wenn es ein Jenseits gibt, nehmen sie Kreditkarten?"). Man spürt das Lachen des ehemaligen Gläubigen über die Selbstgewissheit allen Glaubens. Tenenboms Humor ist gewollt obszön. Der blow-up hat hier eine sexuelle Note. Lust ist nur durch Selbstentleibung möglich; der terroristische Suizid ist die späte Klimax eines lebenslangen Triebaufschubs.

Tenenbom, der viele Verwandte in Auschwitz verlor, sagt, Auschwitz sei keine deutsche, sondern eine humane Katastrophe. Und um humane Katastrophen kreist seine ganze Arbeit, nun auch The Last Virgin. Am Ende sprengt sich die Selbstmordattentäterin in die Luft, und wir sehen sie an der Pforte des Paradieses stehen, beim Einchecken. Tenenboms Gelächter dringt in Bereiche, in die bloße Analyse sich nicht wagt. Jetzt will er sein Theater auch in Deutschland etablieren. Kann sein, dass wir es dringender brauchen, als wir ahnen.