Kairo

Da steht einer mitten im Staub der Straße und schimpft. Menschen schieben Säcke und Karren an ihm vorbei. Kleinlaster quälen sich Meter um Meter voran. Tausend Hupen erfüllen das, was von der Luft noch übrig ist. Doch die Wut des Mannes übertönt das Leben im Arbeiterstadtteil Schubra. Seine Augen glühen, der Kehlkopf bebt. "Ein Polizeistaat ist das hier!"

Vor zwei Stunden ist sein Sohn festgenommen worden. Die Polizei hat den 20-Jährigen auf einer verbotenen Demonstration erwischt. Sein erbitterter Vater weiß, was dem Sohn nun blüht: Verhöre, vielleicht Folter. "Ich war selbst Polizist." Erst voriges Jahr hat der Mann den Dienst quittiert. "Ich wollte dem Regime nicht länger dienen." Klingt edel, aber gab es noch andere Gründe? "Na ja, sie wollten mich auch loswerden." Er redete zu viel. Vom Koran. Vom islamischen Recht. Von Freiheit. Von Demokratie. "Sie müssen wissen: Ich bin Islamist." Pause. "Und Demokrat."

Das wirkt zunächst einmal wie eine recht ausgefallene Bekenntnismischung. Doch der zornige Mann aus Schubra ist kein schrulliger Einzelgänger. Von Demokratie ist in Ägypten dieser Tage viel die Rede, von Demokratie in der arabischen Welt. Fast fühlt man sich an die Debatte in Washington erinnert, wo enge Berater des US-Präsidenten die Verbreitung der Demokratie im Nahen Osten zum strategischen Ziel der Außenpolitik erklären wollen. Sie meinen, Amerika solle der von Despoten beherrschten Region mehr Freiheit und, vor allem, demokratische Spielregeln schenken. Noch reden alle über den Irak. Bald könnten auch die Nachbarn ins Gespräch kommen.

Der Chef des Planungsstabs im amerikanischen Außenministerium, Richard Haass, liebäugelt mit einem Stufenplan "Demokratie im Nahen Osten": erst eine Reform des Erziehungssystems, dann die Einführung der Pressefreiheit, der Demonstrationsfreiheit und dann langsam, langsam wirklich freie Wahlen. Viele Ägypter fordern Ähnliches. Entsteht eine Allianz westlicher "Demokratieberater" mit jenen Arabern, die sich "Demokraten" nennen?

Ägypten ist ein Vorzeigeverbündeter der Amerikaner in der arabischen Welt. Doch bisher sind nicht ägyptische "Demokraten" Teil des Bündnisses, sondern deren strenge Überwacher. Präsident Hosni Mubarak und seine Generäle erhalten aus Washington jährlich 1,2 Milliarden Dollar Militärhilfe, dazu kommen regelmäßige Infusionen in den ägyptischen Wirtschaftskreislauf. Für Amerika ist Mubarak ein Joker, weil er mit Israel und den arabischen Führern gleichzeitig sprechen kann. Er mag nicht gerade demokratisch sein, aber er ist verlässlich.

Mubarak regiert seit 1981, ohne zu wackeln. Er kam an die Macht, nachdem sein Vorgänger Sadat ermordet worden war. Die Täter waren Islamisten. Seither sind sie im Visier von Polizisten, Geheimdiensten und Richtern. Ägypten lebt seit 22 Jahren im Ausnahmezustand: Der Präsident kann jedes Verfahren gegen Zivilisten einem Militärgericht übertragen. Der Staat schlägt auf die Islamisten ein – prompt, ausdauernd und mit schwerer Keule. Viele Terroristen sind umgekommen oder ins Ausland geflohen. Andere sitzen im Gefängnis. Mit ihnen wurden viele gläubige Muslime weggesperrt, denen jede Waffe sofort aus der Hand gleiten würde, die allerdings friedlich für mehr Demokratie streiten. Proislamistische Rechtsanwälte wollen verhindern, dass noch weitere abgeurteilt werden.