George W. Bush war außer sich, sprang fast auf, drohte mit dem Finger: "Ich verabscheue Kim Jong Il!" Nordkoreas Diktator lasse sein Volk hungern, und die Welt schaue zu. "Ich habe Geheimdienstberichte von diesen Lagern gesehen – sie sind riesig –, in denen er Familien auseinander reißt, Leute foltert. Es ist entsetzlich."

Ein emotionaler Ausbruch, von dem der Washingtoner Journalist Bob Woodward in seinem Buch Bush at War berichtet; im August hat er den Präsidenten auf dessen Ranch in Texas interviewt. Jetzt provoziert Kim Jong Il, der wahrlich alle Abscheu verdient, Amerika mit seinem Atomprogramm, und Bush tut – nichts. Damit bringt sich der Präsident, der am Persischen Golf eine gewaltige Streitmacht zum Sturz Saddam Husseins zusammenzieht, in beträchtliche Erklärungsnot.

Widersprüche allenthalben. Der Despot Kim, der nach Schätzungen der CIA schon seit Jahren über eine oder zwei Atombomben verfügt, hat unter Bruch einer Vereinbarung mit Washington sein Plutoniumprogramm wieder aufgenommen. Zu Silvester warf er die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde aus dem Land.

Saddam dagegen schreit zwar: "Spione!" Aber er lässt die UN-Inspektoren ungehindert nach Massenvernichtungswaffen suchen. Gefunden haben sie bisher nichts. Was nicht viel besagen muss. Doch welches Teufelszeug Saddam auch immer verbirgt: Kim dürfte ganz andere Mengen chemischer und biologischer Waffen horten. Und er verfügt über Mittelstreckenraketen, mit denen er fast jeden Ort in Nordostasien angreifen kann – samt den dort stationierten 100000 amerikanischen Soldaten.

"Schlacht zum Feind tragen"

Amerikas früherer Außenminister Warren Christopher hat Recht: Von Nordkorea geht derzeit größere Gefahr aus als vom Irak. Bereitet George W. Bush in der Doppelkrise dieses Schicksalswinters also den falschen Waffengang vor? Den Konflikt mit Pjöngjang will er friedlich lösen. Dem Himmel sei Dank! Warum nicht auch die Konfrontation mit dem Irak?

Es ist gerade ein Jahr her, dass Bush in seiner Rede zur Lage der Nation Nordkorea, Iran und den Irak zur "Achse des Bösen" erklärte und vor dem Kongress ausrief: "Die Vereinigten Staaten von Amerika werden es den gefährlichsten Regimen der Welt nicht gestatten, uns mit den verheerendsten Waffen der Welt zu bedrohen." Vier Monate später, vor Kadetten der Militärakademie West Point, entwickelte Bush sein Konzept eines Präventivschlages: Amerika müsse "die Schlacht zum Feind tragen".

Die im September verkündete neue Nationale Sicherheitsstrategie nahm Abschied von der Abschreckungs- und Eindämmungsdoktrin: altes Denken, das sich mit dem Kalten Krieg erledigt habe. In den Kriegen des 21. Jahrhunderts werde man mit der tödlichen Liaison von Terror und Tyrannei konfrontiert sein. Verfüge dieser neue Feind erst einmal über atomare, chemische und biologische Waffen, werde er sie bedenkenlos einsetzen. Ein im Dezember veröffentlichtes Papier zur Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen nennt in einem geheimen Anhang Nordkorea ausdrücklich als Ziel eines möglichen Präventivschlages.