Wenn Disneyland dazu da ist, den Rest der Welt nur umso realer erscheinen zu lassen, dann ist diese reale Welt dazu da, inszeniert zu werden - so ließe sich, frei nach Baudrillard, das Credo von Rimini Protokoll umschreiben.

Rimini Protokoll ist der Tarnname von vier Stadtguerillas, die die Welt verändern wollen, zumindest vorübergehend und am liebsten versteckt. Sie schmuggeln Kunst, nicht Bomben, in die Wirklichkeit und beobachten das Publikum bei der Beobachung der Explosion: Die gilt als gelungen, wenn sich die feine Linie zwischen "echt" und "manipuliert" nicht mehr erkennen lässt.

Etwa so: 30 Zuschauer sitzen im zehnten Stock des Kröpcke-Centers in Hannover und sehen mit Ferngläsern hinunter auf den belebten Platz. Aus dem Kopfhörer dringt Musik, der Kommentar eines Kaufhausdetektivs oder die Anweisung eines Überwachers: "Das Paar an der Kröpcke-Uhr: anzapfen!" Wir da oben suchen per Feldstecher nach tanzenden Teenies, dem Ladendieb mit noch leerer Plastiktüte und dem Paar nebst Standuhr - alle spielen mit da unten, nur die meisten wissen's nicht. Spione mit versteckten Mikros, manche auch mit sichtbaren, lungern auf dem Platz herum, übertragen Fetzen von Passantengesprächen in den Kontrollturm oder interviewen Tatzeugen, denen nichts auffällt. Alles ist wie immer.

Plötzlich liegt da ein Fußball, und wir warten ab, was passiert. Die da zu kicken beginnen: echt oder inszeniert? Ein junges Mädchen springt gegen einen Bretterzaun, fällt hin und bleibt liegen, niemand kümmert sich um sie - normal? Man lauscht einem Telefongespräch im Kopfhörer und versucht herauszufinden, welcher der Männer unten an den Telefonsäulen observiert wird. Es ist ein hintergründiges Spiel mit Sein und Schein, und dem Rimini-geschärften Blick wird alles verdächtig: das küssende Pärchen, der Penner am Bauzaun, die dicke Frau, die ein Kind hinter sich herzerrt.

Sonde Hannover hieß diese Aktion beim Festival Theaterformen 2002, die die Stadt zur Bühne machte und das Publikum zu Spitzeln des Alltags. Die Nachbrennwirkung war groß: Noch Stunden später nahm man die Realität anders wahr als sonst, sich selbst auch.

Der Traum von "Deutschland 2"

Dass die Räume, in denen spioniert wird, nach Kanther, Zimmermann und Schily benannt sind, verweist auf Obsessionen, die über fröhlichen Voyeurismus hinausgehen: Überwachung als Systematik und Pflicht. Vom naiv vertikalen Blick des Turmspähers zum professionell horizontalen der Flächen- und Rasterfahndung ist es vielleicht nur ein Schritt. Lichtenberg fällt einem ein, der befand: "Was die Enthusiasten Beobachtung nennen, ist gemeiniglich über die Hälfte Urteil."