Still ist es in Lesa. Nur ganz gründliche Italientouristen besuchen noch das historische Städtchen am Westufer des Lago Maggiore. Früher, im Mittelalter, war es Sitz der Gerichtsbarkeit der Mailänder Bischöfe, klerikale Prominenz eilte geschäftig durch die verwinkelten Gassen. Heute hat Lesa mit seinen 2300 Einwohnern an Bedeutung verloren, ist zu langweilig geworden für den Massentourismus. Aber kurz hinter der Stadt, dort, wo die Palmen am Straßenrand spärlicher werden, wird es wieder interessanter. Denn dort steht, ausgerechnet, ein American Diner.

Juliette’s Diner heißt es und ist der Lebenstraum des Alberto Rivici. "Seit ich zwölf war, wollte ich ein eigenes Restaurant haben, keine Trattoria wie meine Eltern, sondern etwas ganz Besonderes." Das ist dem 43-Jährigen aus San Remo gelungen. Es sieht aus, als hätte ein Mailänder Designer ein amerikanisches Restaurant interpretiert, in Leder, Chrom und Keramik. Elegant hebt sich die geschwungene Theke vom dezenten weiß-türkisfarbenen Muster der Wand- und Bodenfliesen ab. Darüber preist ein Schild im Fifties-Design den "Original Double Deck Hamburger" an. Und für den Kühlschrank, die Kaffeemachine und die rotledernen Barhocker würde mancher Designliebhaber sein linkes Auge geben. Im hinteren Saal stehen Chromtische und cremefarbene Sitzbänke. Alberto hat die Einrichtung in aller Welt zusammengesucht – vom Passbildautomaten bis zu den Salzstreuern.

Mit dem kitschigen Innendekor anderer American-Diner-Restaurants hat Juliette’s Diner nichts zu tun. Keine in Esstische verwandelten Cabriolets, keine beleuchteten Freiheitsstatuen. Das kleine Elvis-Porträt an der Wand ist eine ironische Reminiszenz, aus den Boxen klingen rare Soul-Nummern der frühen sechziger Jahre. Es ist fraglich, ob im Ursprungsland des Diners ein Restaurant von solcher Geschmackssicherheit existiert. "Amerikanische Touristen sind immer begeistert", sagt Alberto Rivici mit feinem Lächeln. "Mir geht es aber hauptsächlich darum, den Geschmack der Leute hier zu treffen. Und die sind anspruchsvoll." Darum erlauben sich Alberto und seine Köche ein paar Abweichungen von der amerikanischen Küche der fünfziger Jahre. Neben üppigen Hamburgern, Chicken Wings und Steaks gibt es Austern und gelben Heilbutt in Currysauce. "Wir sind hier in Italien", sagt Alberto, "ob das unamerikanisch ist, ist mir herzlich egal."

Der Laden floriert, die norditalienische Industriellenelite, von den Alessis bis zu den Zucchettis, feiert hier ihre Familienfeste. Gibt es hier, im unglamourösen Lesa, auch Besuch aus der benachbarten Touristenstadt Stresa? "Sie werden lachen", sagt Alberto, "am Wochenende ist manchmal die halbe Stadt da, dann gehören die Pizzerien den Deutschen."

Juliette’s Diner, Via Sempione 38, I-28040 Lesa, Tel. 0039-0322/77133, montags geschlossen