Jetzt kann die europäische Währung wirklich teuer werden – nicht für die Deutschen, sondern vor allem für die Amerikaner. Der US-Dollar verliert an Wert, während sich der Euro international im Aufwind befindet. Im vergangenen Jahr stieg der Kurs des Euro gegenüber der amerikanischen Währung um fast zwanzig Prozent. Auch gegenüber dem japanischen Yen legte die europäische Einheitswährung deutlich zu.

Ist die neu gewonnene Stärke des Euro an den internationalen Devisenmärkten für die Deutschen und die anderen Europäer nun ein Grund zum Jubeln? Kann der Euro damit die Rolle in der Welt spielen, die ihm als Währung der mit Abstand zweitwichtigsten Wirtschaftsmacht in der Welt zusteht? Oder wirkt die Euro-Aufwertung für die Wirtschaft in Euroland wie ein Fallbeil, das sie von den überlebenswichtigen Exportmärkten in Drittländern trennt und damit die Hoffnung gerade in den schwächelnden Volkswirtschaften auf eine baldige Erholung zunichte macht?

Tatsächlich findet geradezu lehrbuchhaft an den Devisenbörsen nur eine überfällige Korrektur statt. Nach den Erfahrungen der Ökonomen dauert es zwischen drei und fünf Jahren, bis Fehlentwicklungen in Devisenkursen wieder zurechtgerückt werden. Und seit dem Start der europäischen Währungsunion Anfang 1999 war die Europäische Währung, von einem sehr kurzen Höhenflug unmittelbar nach Beginn abgesehen, kräftig unterbewertet. So ist es kein Wunder, dass der Euro auch bei vielen Zentralbanken in Drittländern bislang nicht als Reservewährung reüssiert hat. Kein Notenbanker legt sich gern einen schwächelnden Euro zur Absicherung der eigenen Währung in den Tresor.

Doch wodurch wurde der Wechsel in der Einschätzung von Euro und Dollar ausgelöst? Ausgesprochen unglaubwürdig sind Spekulationen über einen von den Amerikanern absichtlich in Gang gesetzten Abwertungswettlauf, um sich auf Kosten der Handelspartner Vorteile auf dem Weltmarkt zu verschaffen. Es ist zwar richtig, dass die niedrigere Bewertung des Dollar der US-Wirtschaft hilft, weil ihre Exporte dadurch billiger werden. Insofern haben amerikanische Regierung und Notenbank nichts gegen einen schwächeren Dollar einzuwenden. Doch man muss schon ein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um Ideen einer bewusst herbeigeführten Dollar-Abwertung zu trauen. Denn Wechselkurse werden seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr von Regierungen oder Notenbanken angeordnet. Bei flexiblen Währungspreisen ist es schlicht unmöglich, die Vielzahl von unterschiedlichen Akteuren mit divergierenden Interessen an den internationalen Devisenmärkten unter einen Hut zu bringen.

Zweifellos ist der Euro ein Krisengewinnler – er profitiert nicht von der Stärke der europäischen Wirtschaft, sondern von der Schwäche der amerikanischen Währung. Es ist aber bei weitem nicht allein der drohende Irak-Krieg, der dem Dollar zusetzt. Der Trend hatte sich schon gedreht, als von Bomben auf Bagdad noch keine Rede war. Offenkundig sind die lange ausgeblendeten Risiken in der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung stärker in das Bewusstsein der Devisenhändler gerückt, allen voran das doppelte Defizit im amerikanischen Staatshaushalt und in der amerikanischen Zahlungsbilanz.

Wer sich Jahr für Jahr fünf Prozent seiner Ausgaben in der Welt zusammenpumpt und Schulden über Schulden im Ausland auftürmt, darf sich nicht wundern, dass auf Dauer sein Ruf leidet – auch wenn er Amerika heißt. Ähnliches gilt für die Lücke im Staatsbudget, die durch das von US-Präsident George W. Bush verkündete neue Konjunkturprogramm nur noch weiterwächst.

Nach Ansicht von Währungsexperten in Wissenschaft und Wirtschaft wäre ein Kurs zwischen 1,05 und 1,10 Dollar je Euro angemessen. Die Prophezeiungen einzelner Gurus, die dem Euro bereits einen weiteren Anstieg auf 1,30 bis 1,40 Dollar vorhersagen, sind mit Vorsicht zu genießen. Kaum etwas hat so kurzfristige Verfallsdaten wie Wechselkursprognosen.

Sicher ist jedoch, dass die Aufwertung des Euro für die Exportwirtschaft nicht zuletzt in der Bundesrepublik zur Unzeit kommt. Denn die Konjunktur lahmt immer noch. In den zurückliegenden vier Jahren waren die Exporteure eindeutig Nutznießer des niedrigen Euro-Kurses, weil sie ihre Erzeugnisse in Ländern außerhalb der Euro-Zone günstiger anbieten konnten. Diesem Wettbewerbsvorteil verdanken es die Deutschen, dass sie auch noch im vergangenen Jahr Weltmarktanteile zurückerobern, wieder Export-Vizeweltmeister werden und ihren Handelsbilanzüberschuss sogar kräftig steigern konnten.