Pech, aber nur einer kann das "Alphatier" sein, dabei zählen sie sich beide zur Spitze in dieser Kategorie. Joschka Fischer hat dennoch null Probleme damit, Gerhard Schröder den "Boss" zu nennen. Was wiederum gut passt, da der Kanzler niemanden über sich ertragen kann, schon gar keinen "heimlichen Kanzler". Da fühlt er sich fremdbestimmt, und nichts hasst er mehr, das weiß Fischer.

Nur dass Fischer dem Spiegel ein Interview gab, in dem er auch ein Ja zu einem Krieg gegen den Irak ausdrücklich nicht ausschloss, erfuhr Schröder aus Vorabmeldungen. Auf genau diesem Weg, per Spiegel- Gespräch, gab er seine Irritation zu Protokoll, ohne dass er eine Art Blackout des Ministers ausdrücklich hätte diagnostizieren müssen. Insider verstanden auch so. Was um Himmels willen hatte "Joschka" getrieben, seine Haltung öffentlich zu machen?

Nicht alles war vorausgeplant, aber objektiv erweist sich das Interview als Test. Herangerobbt hat Fischer sich damit an die Frage, was die rot-grüne Regierung zu hören bekäme, wenn sie trotz ihres dezidierten Wahlversprechens am Ende doch ihr Nein in ein Ja umbiegen würde. Eindeutig genug fiel das Echo aus: Jede Entscheidung, die als Umfallen wahrgenommen würde, stürzte die Koalition in eine Existenzkrise, zerrisse die beiden Parteien. Die Glaubwürdigkeit wäre perdu.

Der ewige Juso

Fischer hat eine eigene Position aufblitzen lassen, von der Schröder gleichwohl sagen musste, er stimme mit ihr überein. Denn, nicht wahr, wer die Ergebnisse der Blix-Kommission und ihrer Inspektoren im Irak ernst nehmen will, kann irgendwie nicht vorher schon sagen, sein Nein stehe so oder so fest.

Wer also ist das Alphatier, und wer wird gebosst? Fischer setzt andere Farbtupfer, ist aber auch ein Machtmensch, provoziert Fragen nach verborgenen Motiven. Will er dem Kanzler ans Zeug? Und ist die Irak-Frage nur Mittel zum Zweck? Purer Quatsch, hat Fischer darauf längst vielfach geantwortet. Nicht beantwortet hat er die Frage, was das wahrscheinlichste Szenario ist: Wenn alles "normal" verläuft, werden sich die Deutschen – falls es zu einer zweiten Abstimmung kommt – im UN-Sicherheitsrat der Stimme enthalten. Das dürfte zwischen ihm und Schröder unstrittig sein.

Ein bisschen Unsicherheit bleibt allerdings: Was geschieht, wenn (wider Erwarten) nahezu alle im Sicherheitsrat mit Ja optieren und sich Deutschland plötzlich allein an der Seite Syriens wiederzufinden drohte? Solche Isolierungssorgen, Isolierung vor allem von den übrigen Europäern, treiben die Profipolitiker ganz besonders um.

Im Gespräch stößt man rasch darauf, dass dem Kanzler sein Lieblingswort von den "deutschen Interessen" ungleich mehr oder anderes bedeutet als Fischer. Deutschland, so sieht der Kanzler das, besaß nur begrenzte Souveränität, und das sei nun mal mit der Einheit vorbei. Der Sprung ist qualitativ, findet er. Das Engagement im Kosovo-Krieg hing für ihn mit der neuen außenpolitischen Rolle zusammen. Erstens wegen der Einheit und zweitens, weil es eine Überlebensbedingung für die rot-grüne Koalition wurde. In den Augen der Mehrheit wäre sie zu einer differenzierten Politik nicht fähig gewesen, hätte seine Regierung sich entschlossen, bei der Nato-Intervention am Balkan passiv am Seitenrand zu stehen.