Bali

Auf der Legian-Straße fahren wieder Autos. Oder besser: Sie rollen wieder, so langsam wie einst. Vor dem Terroranschlag vom 12. Oktober schlichen sie dahin, weil "Sehen-und-gesehen-Werden" wichtig war auf der Partymeile von Kuta. Jetzt fahren sie Schritttempo, weil jeder Asiens "Ground Zero" anschauen will. 200 Menschen und der Mythos vom balinesischen Paradies starben hier. Die Diskothek Sari Club und die Kneipe Paddy’s, in denen die Bomben hochgingen, gibt es nicht mehr.

Autos, die an den fußballfeldgroßen Schotterflächen vorbeifahren, sinken mit der rechten Wagenhälfte kurz ab. Unter der Straßensenke, die die Wagen ins Schwanken bringt, lag der Bombenkrater. Rund dreimal drei Meter groß und eineinhalb Meter tief war das Loch. Die Ermittler fanden darin Reste von so vielen verschiedenen Sprengstoffarten, dass sie immer noch nicht sagen können, wie der 150-Kilogramm-Sprengsatz genau zusammengesetzt war. In Südostasien hatte man es mit einem solchen Gemisch noch nie zu tun gehabt. Auch deshalb glauben viele, dass die Bombenbauer oder ihre Helfer von weither kamen. "Derjenige, der den Bali-Sprengsatz gebastelt hat", sagt ein australischer Ermittler, "hatte eine Menge Ahnung. Ich weiß nicht, ob ich das den Leuten zutraue, die wir bislang gefasst haben." 15 Männer sind in Haft, alle kommen aus Indonesien.

Im Innenhof des balinesischen Polizeihauptquartiers sitzen die indonesischen Journalisten im Schatten, die hier seit Monaten jeden Tag auf Nachrichten warten. Auf der anderen Seite des Hofes, wo die Reporter nicht hindürfen, stehen fünf Beamte mit Maschinengewehren und rauchen. Sie bewachen die Tür zu dem Zellentrakt, wo die Terroristen sitzen. Die Reporter bekamen die Männer kurz zu sehen, als sie verhaftet wurden. Die mutmaßlichen Massenmörder haben Kindergesichter mit Oberlippen- und Kinnflaum, sind um die 35 Jahre alt – sympathische Kerle auf den ersten Blick. Amrozi, der als Erster gefasst wurde, ist in Indonesien zum Mädchenschwarm avanciert, weil er so verdammt gut aussieht. Laut Polizeierkenntnissen kaufte er die Chemikalien für die Bombe – und den Minibus, in dem der Sprengstoff explodierte. Der Wagen, vormals als Taxi registriert, verriet ihn. Zwei Brüder von Amrozi, so die Ermittler, waren auch dabei: Muchlas, der verhaftet ist, und Ali Imron, der noch gesucht wird. Imron soll den Minibus vor den Sari Club gefahren haben. Von Muchlas glauben die Beamten sogar, dass er ein führender Kopf der südostasiatischen Terrorgruppe Dschema Islamijja sei.

"Ich wollte so viele US-Amerikaner töten wie möglich", hat Amrozi laut Polizei ausgesagt. Dennoch gilt er als Mitläufer. Genau wie all die anderen gefassten Fußsoldaten, die den Tatort ausspähten, für Unterkunft und Verpflegung sorgten, Pässe fälschten oder Tätern nach dem Anschlag Unterschlupf gewährten. Terrorhelfer zu rekrutieren war in Indonesien anscheinend kein Problem.

"Amerika wird zermalmt werden"

Die Muslime dort sind zwar überwiegend moderat, aber in einem Land mit 200 Millionen Gläubigen ist schon eine Minderheit von Militanten eine gefährliche Größe. Gut möglich zudem, dass ihre Anzahl gerade wächst. Armut und die allgemeine Ablehnung der US-Nahostpolitik treiben Hasspredigern Anhänger zu. Zum Beispiel dem Fundamentalisten Abu Bakar Baaschir, der Osama bin Laden als "wahren islamischen Kämpfer" preist.

Die Bali-Terroristen hingen an Baaschirs Lippen. Sie sind Männer aus den Dörfern, stammen aus großen, verarmten Familien. Sie verließen Indonesien, suchten Arbeit, suchten eine Perspektive. In Malaysia trafen sie Baaschir, der dort im Exil lebte, geflüchtet vor Ex-Diktator Suharto. Suharto hatte Baaschir verfolgen lassen, weil der aus Indonesien einen islamischen Gottesstaat machen wollte. In Malaysia gründete Baaschir eine Islamschule. Amrozi hörte dort Baaschirs Predigten, sein Bruder Muchlas lehrte in der Baaschir-Schule. Ein weiterer Verhafteter, Imam Samudra, war gleichfalls Student Baaschirs in Malaysia. Muchlas und Samudra zogen weiter, sie ließen sich in Afghanistan militärisch ausbilden und kämpften dort. Beide geben zu, jetzt der Dschema Islamijja anzugehören und den Bali-Anschlag verübt zu haben.