Man kann sich den doppelt leidenden Schreibenden gut vorstellen: Er sitzt, von seinem Krebsgeschwür geplagt, am Computer und reflektiert über die Seelenlage seiner Landsleute. Ruhig war es in Israel nie - das Leben im Schatten von Kriegen und permanenter Spannung gehörte immer schon zur Alltagsnormalität. Aber "so deprimierend sei die Atmosphäre" nie gewesen.

Das Klima im Land hat sich seit dem Scheitern der Friedensgespräche von Camp David im Sommer 2000 verändert. Die enttäuschte - illusorische? - Hoffnung auf ein Ende des Konflikts, die andauernde militarisierte Intifada führten zu einer Situation, in der sich für viele Israelis die Kategorien von links oder rechts überholt haben. Der Autor Amnon Noy - den ein junger Gewerkschaftsfunktionär einmal als rechten Linken bezeichnete - zählt sich selbst zu dieser Gruppe. Die Eingrenzung in ein politisches Denkschema, die Orientierung gemäß einer vorgegebenen Norm, sei nicht nur lästig, sondern angesichts der israelischen Realität auch völlig unpassend. "Ich glaube, viele politisch Denkende in Deutschland stört es einfach, dass man in Israel das apodiktische deutsche Denken nicht anwenden kann."

Dass Noy, 1950 in Israel geboren, Sohn von Geretteten des Holocaust, Deutschland gut kennt, dort Politikwissenschaften studierte und später auch in Bonn Botschaftsrat war, macht die Lektüre erst richtig interessant und gelegentlich amüsant: So bezieht er den typisch deutschen Besserwisser in Sachen Nahost gleich mit in seine Argumentation ein.

In der sehr persönlich gehaltenen Form eines Tagebuchs setzt sich Noy mit den Ereignissen von Oktober 2000 bis April 2002 auseinander. Einiges - wie die Regierung der nationalen Einheit - hat sich mittlerweile überlebt. Aber die Themen, die in dieser Zeit die Gemüter erregten, bleiben hochaktuell. Da geht es unter anderem um die Forderung nach Rückkehr für palästinensische Flüchtlinge, den Fall Asmi Bishara, um Demografie und Demokratieverständnis, um Arafat und den Peres-Mythos, um Terror, Besatzung, Religion und Armee, um ritualisierte Friedensdialoge im Ausland, um den Zaun, Neueinwanderer, Fußball und israelische Männer. Und um die Schwierigkeit, einen Weg aus dem Schlamassel zu finden. Vor diesem Hintergrund spielt sich der Wahlkampf ab, von dessen Ausgang sich niemand großartige Veränderungen verspricht. Man müsse lernen, bescheidener zu denken, schreibt Noy in Anspielung an jene Zeiten der hochtrabenden Hoffnungen vor allem im linken Lager.

Dem Manuskript hätte ein sorgfältigeres Lektorat gut getan. So manche Erklärungen in Klammern sind schlampig ("Jäckes" sind bekanntlich aus Deutschland stammende Israelis und nicht "Juden, die im Zuge des Zweiten Weltkriegs nach Israel einwanderten"). Auch ist nicht immer klar, an welchem Ort sich der Autor gerade befindet. Es handelt sich aber trotzdem um eine lohnende Lektüre für alle, die nachvollziehen wollen, wie heutzutage das Leben als Israeli aussieht. Im Plauderton skizziert Amnon Noy das Porträt einer "Gesellschaft in Not, die nach wie vor ihren Weg sucht, auch wenn dies nicht immer erkannt wird". Er verlangt nicht Absolution, sondern mehr Verständnis für eine schwierige Lage.

Gisela Dachs

Amnon Noy: Oh mein Israel!