In ein paar Stunden beginnt die Bilanzpressekonferenz. Der Vorstandsvorsitzende will seine Unterlagen aus dem Tresor holen. Doch die Tür klemmt mal wieder. Er bittet seine Sekretärin, ihm sofort den Haustechniker zu schicken. Der hat das Ding schließlich immer aufgekriegt. Doch der Handwerker, seit 25 Jahren im Dienst des Unternehmens, feiert gerade seinen Ausstand, als der Anruf kommt. "Sag ihm, ich bin nicht mehr im Dienst", antwortet er seinem Kollegen. Schließlich hatten sie ihn vor einem Jahr absichtlich bei der Gehaltsrunde übergangen, und deshalb bekommt er jetzt weniger Betriebsrente. Da sollen sie doch selbst sehen, wie sie den Tresor aufkriegen.

Die Geschichte stammt aus dem Buch Und dann waren es nur noch Neun - wie man auch die besten Mitarbeiter vergrault. Darin haben die Autoren Wolfgang Schnur und Günther Weick die häufigsten Fehler von Führungskräften im Umgang mit ihren Mitarbeitern in eine Romanhandlung verpackt. Ein Hauptfehler: mangelnde Fairness. Und die gehört derzeit angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage in vielen Unternehmen zum Alltag. "Einige Unternehmen behandeln ihre Mitarbeiter manchmal sogar bewusst schlecht, damit diese entnervt das Handtuch werfen und sie ihre Personalkosten reduzieren können", beobachtet Christian Scholz, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes.

Abstruse Sparmaßnahmen, übermäßige Kontrolle und eine ausgeprägte Misstrauenskultur machen derzeit vielen Angestellten zu schaffen. "Wie bei uns mit den Mitarbeitern umgegangen wird, ist einfach entwürdigend", sagt die 32-jährige Marketingassistentin bei einem Computerkonzern. Überall würden Mittel gekürzt, sodass man seine Arbeit nicht mehr gut machen könne. Wer sich deshalb beschwere, werde übel abgekanzelt. Am liebsten würde sie noch heute kündigen. "Die Unzufriedenheit ist groß", bestätigt Rainer Schulze von der Personalberatung Access in Köln. Das schade nicht zuletzt den Unternehmen, schließlich läge deshalb viel Potenzial brach. Doch darauf werde oft nicht geachtet - Hauptsache, die Mitarbeiter funktionierten.

"Pisa für Manager"

Hinter einem solchen Verhalten steckt häufig Unwissenheit. "Viele Führungskräfte haben schlichtweg keine Ahnung, wie Menschen reagieren", sagt Dieter Frey, Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Die glauben, das sei wie bei einer Maschine: Man muss nur den Druck erhöhen, und dann steigt die Leistung." Außerdem seien viele Manager davon überzeugt, dass harte Zeiten eben auch ein hartes Vorgehen erforderten. Wer da respektvoll mit seinen Mitarbeitern umgehe, habe oft Angst, als Weichei abgestempelt zu werden. "Die haben ein völlig falsches Verständnis von Führung in schlechten Zeiten", kritisiert der Psychologieprofessor. Denn die Fairnessforschung habe längst gezeigt, dass es bei Krisen vor allem auf den richtigen Umgang ankomme. Wer fair behandelt werde, akzeptiere auch unangenehme Maßnahmen eher. Wer dagegen nur klein gemacht und gedemütigt werde, sei wütend und sinne nicht selten auf Rache. "Da gibt es eine enorme Dunkelziffer", weiß Frey aus zahlreichen Gesprächen. Mitarbeiter ließen gezielt Projekte an die Wand fahren, fälschten Daten, spännen Intrigen oder machten Dienst nach Vorschrift - alles so, dass es nicht nachweisbar sei. Zudem zeige die Innovationsforschung, dass in solchen Situationen keine Kreativität entstehe, weil keiner mehr ein Risiko eingehe. "Durch ihre Unwissenheit und ihre Arroganz vergeuden Manager enorm viel Kapital", resümiert Frey. Daher sei es nicht nur aus Menschlichkeit wichtig, fair mit seinen Mitarbeitern umzugehen, sondern auch aus wirtschaftlichen Überlegungen.

Auch der Zukunftsforscher Leo A. Nefiodow sieht im Bereich der Zusammenarbeit und Motivation eine der größten Chancen, noch Produktivitätsgewinne zu erzielen. Alles andere - wie effektivere Maschinen oder Verbesserungen in der Arbeitsorganisation - sei bereits weitgehend ausgeschöpft. "Ein gesundes Betriebsklima ist die Voraussetzung dafür, dass produktiv zusammengearbeitet wird", sagt der Abteilungsleiter am GMD-Forschungszentrum Informationstechnik in Sankt Augustin bei Bonn. Durch destruktive Erscheinungen wie Angst, Intrigen, Machtkämpfe, Enttäuschungen, Mobbing und innere Kündigung entstünden der deutschen Wirtschaft jährlich Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe. Schon heute schnitten Unternehmen mit einem guten Betriebsklima im Wettbewerb besser ab. Langfristig würden nur solche mit guter Sozialbilanz zu den Gewinnern gehören.

Doch dafür haben viele Verantwortliche derzeit kein Ohr. "In Krisenzeiten haben Manager kein Interesse an der Mitarbeiterorientierung", sagt Peter Friederichs, Personalexperte und ehemaliger Personaldirektor der HypoVereinsbank. Da gehe es nur noch um die Kosten, mehr denn je gelte das Primat der Betriebswirtschaft. Zahlen sind wichtiger als Menschen.