Sie hat ihn, den Titel: Die Kornrade, Agrostemma githago, ist Blume des Jahres 2003. Wird ihr das, über ein kurzes Gastspiel in den Medien hinaus, nützen? Oder wird sie das Schicksal vieler Vorgänger ereilen, deren Ruhm so schnell welkte, wie er erblüht war? Wer, außer eingefleischten Rote-Liste-Freaks, kennt etwa heute noch die Titelträgerin des Jahres 2000 (Purpurblaue Steinsame)? Auch für eher schüchterne Kleinwüchsige wie das Sandköpfchen (1990) war die Wahl nicht eben der Durchbruch zu weltweitem Wiedererkennungswert. Die Krebsschere (1998), eine Schwimmpflanze, die auf Gewässerböden überwintert, geht auch weiterhin unbeachtet von der Öffentlichkeit unter Wasser.

Das war einmal anders. Der Lungenenzian, mit dem 1980 die Reihe eröffnet wurde, war eine einprägsame Idealbesetzung, und das Konzept, eine Pflanze stellvertretend für eine ganze Lebensgemeinschaft hervorzuheben, relativ neu, fast konkurrenzlos und deshalb einprägsam. Unter seinen Nachfolgern finden sich noch mehr illustre, ohnehin nicht ganz unbekannte Namen: die Orchideenarten Rotes Waldvöglein (1982) und Breitblättriges Knabenkraut (1994), die Waldakelei (1985), die als engere Wahl für die legendäre Blaue Blume der Romantik schon einen sehr viel älteren Titel aufzuweisen hat, oder der Rundblättrige Sonnentau (1992), gruselig faszinierender Fliegenfresser und als Monsterpflanze en miniature ein Klassiker des Biologie-Unterrichts. Fritillaria meleagris, die Gefleckte Schachblume, hat die Publicity, die ihre Auszeichnung 1993 bot, vielleicht am nachhaltigsten nutzen können. Wohl deshalb, weil sie ohnehin eine unverwechselbare, originelle Persönlichkeit ist. Wenn je eine Blume des Jahres einzigartig war, dann sie. Trägt sie doch, einmalig und gegen alle Grundsätze organischen Lebens, eine perfekt rechtwinklig karierte Blüte. Die winzige Individualistin hat zumindest den Sprung zurück in viele Gärten geschafft und damit ihr Überleben sichergestellt.

Inzwischen jedoch wird das "Blume des Jahres"-Erfolgsmodell derart inflationär kopiert, dass es mitunter an Realsatire grenzt. Momentan leben wir noch im Jahr des Ökotourismus, des Bachflohkrebses, der Listspinne, der Quappe, des Orangefuchsigen Rauhkopfes, den 2003 der Papageigrüne Saftling ablösen wird – und so weiter. Will die Jahresblume da nicht nach der Feier sozusagen unbeachtet am Wegrand zertreten werden, sondern sich wieder im öffentlichen Bewusstsein verwurzeln, muss sie schon einiges mehr bieten als einen Titel. Gefragt ist, siehe Schachblume, unter anderem die Fähigkeit, notfalls auch Gartenkarriere zu machen. Wichtig ist außerdem Originalität.

Da stehen die Chancen recht gut für die Kornrade, denn sie ist nicht nur dekorativ, sondern hat auch eine spektakuläre Geschichte. Blühte sie doch nie, wie das Hainveilchen, ihre Vorgängerin 2002, sittsam, bescheiden und rein im Moose. Ganz im Gegenteil: Ihre grazile, hoch gewachsene, silbrige und dunkelrosa Anmut stand einst für Tod und Verderben. Seit die Kornrade aus dem Mittelmeerraum zuwanderte, lebte sie in einer engen Symbiose mit den Menschen. Im Mittelalter war sie als Giftmörderin, die aus Getreidefeldern zuschlug, derart verrufen, dass sie auch "Höllenkorn" genannt wurde.

Die unheimliche Schöne hatte sich perfekt, nahezu perfide an die damalige Landwirtschaft angepasst. Brotgetreide war der Winterroggen, und dessen Reife fiel exakt mit der der Kornrade zusammen. Ihre Samenkapseln sind außerordentlich stabil, wurden also unversehrt mitgeerntet und -gedroschen, wodurch die schweren schwarzen Samen entweder als Mehl in der Nahrungskette oder im Saatgut landeten. So gelangten sie allherbstlich wieder auf den Acker, wo sie als Kaltkeimer ideale Bedingungen vorfanden, um auch bei der nächsten Ernte pünktlich zur Stelle zu sein.

Trockene Samen sind die giftigsten Teile der Pflanze, und im Brot sollen sie das verursacht haben, was spätere Biologen dezent als "heftiges Unwohlsein" umschrieben: eine qualvolle Vergiftung, die schlimmstenfalls mit tödlicher Atemlähmung endete. Moderne Toxikologen entlasten die Kornrade allerdings ein wenig: Schuld an den epidemischen Vergiftungen sei eher das Alkaloid des Mutterkorns gewesen, eines auf Roggenähren lebenden Pilzes. Doch diese Auskunft ist ein Freispruch zweiter Klasse, sozusagen aus Mangel an Beweisen. Wie giftig die Kornrade für Menschen ist, konnte immer noch nicht eindeutig geklärt werden. Vielleicht aus verständlichem Mangel an freiwilligen Versuchspersonen? Unstrittig ist, dass die gesamte Pflanze sowohl Githaginglykoside als auch Saponine enthält und deshalb nur mit allergrößter Vorsicht zu genießen wäre. Was einige Bauern übrigens taten: Eine Spur Kornrade sollte den Roggenschnaps deutlich aufwerten.

Lange war das Verhältnis zwischen Mensch und Agrostemma githago buchstäblich derart vergiftet, dass wohl jeder, der auf die Idee gekommen wäre, sie mit einem Titel zu ehren und obendrein ihre Ausbreitung zu propagieren, schnurstracks auf dem nächsten Scheiterhaufen gelandet wäre. Später haben ihr bessere Saatgutreinigung und moderne Landwirtschaft den Garaus gemacht. Heute taucht sie gelegentlich wieder auf, sogar als neuartige Zwischenfrucht auf Äckern, und vielleicht erlebt die Blume des Jahres 2003 jetzt auch in Gärten ein kleines Revival. Das wäre gleich mehrfach passend, denn erstens ist sie, wie sie lange genug auf sinistre Weise bewiesen hat, ideal an Kulturbedingungen angepasst, und zweitens wurde der Garten zum "Biotop des Jahres 2002" ernannt – wenn Letzteres auch wohl kaum jemand bemerkt hat. Zweifellos hat die Kornrade dieses gewisse Etwas: Ihre spezielle Mischung aus schlanker Eleganz, morbider Vergangenheit und einem Hauch von Geheimnis und Gefahr bietet eigentlich beste Voraussetzungen, um aller Konkurrenz zum Trotz Karriere zu machen.